Samstag, 11. August 2012

Die Verschollene der RAF


Friederike Krabbe





Friederike Krabbe ist ein Mitglied der Rote Armee Fraktion in zweiter Generation und jene Person, die bis heute nicht wieder aus dem Untergrund aufgetaucht ist. Sie begann ihre Karriere im Untergrund im Sozialistischen Patientenkollektiv, ging von dort zur RAF und landete danach bei der Gruppe 15. Mai, welche von palästinensischen Fedajin um Abu Ibrahim gebildet hatte und war während der Schleyer Entführung offenbar für die Anmietung von Wohnungen, in denen der Arbeitgeberpräsident gefangengehalten wurde, zuständig. Sie soll bis 2003 in Bagdad gelebt haben, wohin sie nach der gescheiterten Befreiungsaktion der Stammheim-Häftlinge geflogen sein soll. Sie steht nach wie vor auf den Fahndungslisten des Bundeskriminalamtes.



15.02.07

RAF

Die verschwundenen Terroristen

In der Debatte um die vorzeitige Haftentlassung von Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt ging eines völlig unter: Bis heute werden noch mindestens sieben mutmaßliche RAF-Mitglieder gesucht. Sie sind untergetaucht, sofern sie noch leben. Von Butz Peters

Das letzte Steckbrieffoto von ihr stammt aus dem Februar 1970: Es zeigt eine schlanke Frau mit langen braunen Haaren und dunkelbraunen Augen. Noch keine 20 und kurz vor dem Abitur. Heute ist Friederike Krabbe 56 Jahre alt - vorausgesetzt, sie lebt noch. Die Terroristenfahnder des Bundeskriminalamts würden viel dafür geben, wenn sie wüssten, wie sie jetzt aussieht. Und noch mehr, wenn sie eine Ahnung hätten, wo sie steckt. Seit 30 Jahren suchen sie die Frau wegen Mordes am damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Weltweit. Ohne Erfolg.

Nur eine von sieben untergetauchten Terroristen

Friederike Krabbe ist nur eine von mindestens sieben mutmaßlichen Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF), die noch immer als verschwunden gelten. Weil sie untergetaucht sind, sich versteckt halten, auf der Flucht sind. Irgendwo. Während hierzulande gerade über die vorzeitige Haftentlassung der ehemaligen RAF-Mitglieder Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar debattiert wird, gehen die sieben Verschwundenen, von denen Krabbe eine Schlüsselrolle zufällt, in der Diskussion ziemlich unter. Geboren wurde Friederike Charlotte Wilhelmine Krabbe am 31. Mai 1950 im niedersächsischen Bad Bentheim. Der Vater: Fabrikant und Textilkaufmann. Nach dem Abitur 1970 geht sie nach Heidelberg, studiert Pädagogik, Soziologie und Psychologie. Wie ihre fünf Jahre ältere Schwester Hanna schließt sie sich dort dem "Sozialistischen Patientenkollektiv" (SPK) des wirren Arztes Wolfgang Huber an. Seine Devise: "Das System hat uns "krank gemacht". Geben wir dem kranken System den Todesstoß." Für ihn gilt: "Wer sich krank fühlt, wird behandelt", durch "Einzel- oder Gruppenagitation". Auf einem Plattenspieler läuft "Macht kaputt, was euch kaputt macht" von Ton Steine Scherben. Und alle grölen mit. Das "Kollektiv" ist ein "Rekrutierungsbecken" für die RAF. Ein Dutzend Mitglieder schließt sich ihr an. Friederikes Schwester Hanna ist dabei, als 1975 die deutsche Botschaft in Stockholm überfallen wird. Das RAF-"Kommando Holger Meins" nimmt 12 Geiseln, fordert die Freilassung von Andreas Baader und 25 weiteren inhaftierten RAF-Mitgliedern. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, erschießen die Botschaftsstürmer zwei deutsche Attachés. Kurz vor Mitternacht explodieren die Sprengladungen der Besetzer. Warum, ist bis heute ungeklärt. Zwei RAF-Mitglieder sterben. Das Oberlandesgericht Düsseldorf verurteilt Hanna Krabbe am 20. Juli 1977 wegen "gemeinschaftlichen Mordes in zwei Fällen" zu "lebenslanger Freiheitsstrafe". Nach 21 Jahren Haft wird sie 1996 entlassen.

Konspirative Wohnung in Köln

Eine Woche nach dem Urteil gegen ihre Schwester mietet Friederike Krabbe ein Appartement in Köln-Junkersdorf, Wiener Weg 1 b. Eine konspirative Wohnung für die Schleyer-Entführung. 380 Mark Monatsmiete sowie 55 Mark für einen Tiefgaragenplatz. Die 27-Jährige nennt sich Lisa Ries und gibt als Beruf "Reiseleiterin" an. Das Hochhaus liegt nur wenige Autominuten vom Tatort des Schleyer-Überfalls entfernt. In der Tiefgarage stehen bald zwei Autos: ein gelber Mercedes 300 D. Gestohlen. Das sogenannte Sperrfahrzeug, mit dem am 5. September 1977 Schleyers Mercedes an der Weiterfahrt gehindert wird. Nebenan parkt ein VW-Bus. Mit ihm jagt Peter-Jürgen Boock später mit dem gekidnappten Schleyer durch den abendlichen Berufsverkehr, um den Arbeitgeberpräsidenten in das erste RAF-"Volksgefängnis" zu bringen. Die RAF fordert von der Bundesregierung, dass sie Baader und neun weitere RAF-Häftlinge - unter ihnen Hanna Krabbe - in ein Land ihrer Wahl ausfliegt.
Während der Schleyer-Entführung ist Friederike Krabbe in der RAF-"Entführungszentrale" in Amsterdam, einer Zwei-Stock-Maisonette im Baden-Powell-Weg 217. Für die RAF rückt der Mord an Schleyer näher, und weil sie mit einer "Riesenfahndung" rechnet, setzen sich alle, die nicht mehr benötigt werden, nach Bagdad ab. Krabbe fliegt mit gefälschten Papieren. In Bagdad wohnt sie in einem geräumigen Haus zusammen mit Elisabeth von Dyck (die 1979 in Notwehr von einem Polizisten erschossen wurde) und Monika Helbing (die 1990 in der DDR verhaftet wurde). Im Radio hört sie vom Mord an Hanns Martin Schleyer und vom Tod der RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Gefängnis Stuttgart-Stammheim. Die RAF versucht die Deutung zu streuen, die Stammheim-Häftlinge seien ermordet worden. Brigitte Mohnhaupt interpretierte die Geschehnisse als "suicide action" - als Selbstmord-Aktion. Sie erklärt, so berichtet das damalige RAF-Mitglied Monika Helbing später, "dass die Gefangenen in Stammheim keinen anderen Weg sahen, als sich selbst umzubringen, und zwar nicht aus Verzweifelung, sondern um die Politik der RAF voranzutreiben". Krabbe kapiert, dass die von der RAF nach außen proklamierten "Stammheim-Morde" eine Mär sind. Sie beschließt, aus der RAF auszusteigen und im Irak zu bleiben. "Rima", so ihr RAF-Name, "ist bei uns weggegangen, weil Guerilla nicht ihre Sache war", erklärt RAF-Chefin Brigitte Mohnhaupt später. Nach deutschen Staatsschutz-Informationen lebt Krabbe danach mit dem Bombenspezialisten Abu Ihrahim einer irakischen Terrorgruppe zusammen, im Beiruter Villenvorort al-Mansur. Nach dem US-Irak-Feldzug 2003 wittern die Fahnder Morgenluft. Die Amerikaner suchen sie, finden aber keine Spur. Friederike Krabbe scheint wie vom Erdboden verschluckt. Es gibt weitere mutmaßliche RAF-Mitglieder, von denen bis heute jede Spur fehlt: Ingeborg Barz (Jahrgang 1948) verdächtigten die Ermittler, bei der ersten RAF-"Generation" beteiligt gewesen zu sein, unter anderem an einem Banküberfall 1971 in Kaiserslautern. Die RAF-Geldbeschaffer erschossen den Polizisten Herbert Schoner und erbeuteten 135 000 Mark. Gerhard Müller - der letzte Begleiter Ulrike Meinhofs, der zusammen mit ihr 1972 verhaftet wurde - berichtete der Polizei, das frühere RAF-Mitglied Holger Meins habe ihm gesagt, Andreas Baader habe Barz "Ende Februar/Anfang März 1972 erschossen" und an einer "Stelle am Rhein begraben". Daraufhin durchpflügten Polizeibeamte die Hänge bei Germersheim. Eine Leiche fanden sie nicht. Ebenso wenig gibt es eine Spur von Angela Luther (Jahrgang 1940). Sie soll an dem Sprengstoffanschlag auf das Quartier der US-Landstreitkräfte im Mai 1972 beteiligt gewesen sein. Dabei gab es drei Tote. Ingrid Siepmann (Jahrgang 1944) gehörte zu den fünf 1975 freigepressten Häftlingen. Anschließend soll sie sich der RAF angeschlossen haben. Nach einer - unbestätigten - Information starb sie 1982. Die Haftbefehle gegen sie und Barz wurden mittlerweile aufgehoben.

Die dritte Generation der RAF ist völlig unsichtbar

Bei der dritten "Generation" der RAF wären die Ermittler froh, wenn sie wüssten, nach wem sie alles suchen könnten: Das letzte Aufgebot der Terrororganisation verkündete 1998 die Selbstauflösung. Zuvor hatte es zehn Menschen ermordet - unter anderem Bankier Alfred Herrhausen und Treuhand-Chef Detlev Rohwedder. Ermittler schätzen, dass der RAF in ihren letzten 14 Jahren über ein Dutzend Mitglieder angehörten. Die Hälfte von ihnen ist unbekannt. Nur drei Terroristen wurden gefasst. Nach drei weiteren fahndet das BKA noch heute: Ernst-Volker Staub (Jahrgang 1954) war schon einmal bei der RAF, wurde 1984 gefasst. Nach vier Jahren Haft unterhielt er - so die Ermittler - erneut "intensive Kontakte zu Personen des RAF-Umfeldes in Hamburg". 1991 wurde wieder Haftbefehl gegen ihn erlassen, weil der Verdacht bestand, er habe sich wieder der RAF angeschlossen. Doch Staub blieb verschwunden. Nur 1993 entdeckten Ermittler seine Fingerspuren in dem Rucksack, den das RAF-Mitglied Wolfgang Grams trug, als er bei seiner Verhaftung in Bad Kleinen erschossen wurde. Von Staubs Freundin Daniela Klette (Jahrgang 1958) fanden Fahnder nur ein Haar. Es befand sich in dem Fluchtwagen, den die RAF 1991 bei ihrem Anschlag auf die US-Botschaft in Bonn benutzt hatte. Auf die letzte Spur des Paares stießen die Fahnder im Juli 1999 - 15 Monate nach der "Auflösungserklärung" der RAF: In Duisburg erbeuteten drei Täter bei einem Panzerfaust-Überfall über eine Million Mark aus einem Geldtransporter. Anschließend warfen sie ihre Helme und ihre Sturmhauben weg. An ihnen entdeckten Labortechniker DNA-Material von Staub und Klette. Die Beute: wohl eine Altersversorgung für ehemalige Terroristen. Die Chancen, dass die Ermittler auf die verschollenen RAF-Mitglieder stoßen, sind gering. Ein Ermittler: "Unsere einzige Chance ist Kommissar Zufall."
Butz Peters, Journalist und Rechtsanwalt, verfasste unter anderem die Bücher "Tödlicher Irrtum - Die Geschichte der RAF" (2004) und "Der letzte Mythos der RAF - Wer erschoss Wolfgang Grams?" (2006)







Das Geheimdepot der RAF

Gemeinhin versuchen Gruppen im Untergrund, belastendes Material zu vernichten, um die Spuren, die zu einer etwaigen Entdeckung führen, zu vernichten. Nicht so die Rote Armee Fraktion, die mehrere umfangreiche Depots mit belastenden Unterlagen – wie Bekennerbriefe, interne Papiere etc. – angelegt haben. Eines davon wurde in einem Wald in Hessen bereits 1982 gefunden, ein weiteres jetzt erst kürzlich bei Utrecht. „Gesammeltes Wissen zum Weitergeben“ nennen es die Spezialisten des BKA. Die RAF wolle so Wissen an die nächsten Generationen weitergeben um die Ideen ihres Kampfes aufrecht zu erhalten. So soll auch die Dritte Generation davon profitiert haben, was in ihrer fast totalen Perfektion, was Aktionen angeht, manifestiert wurde. Meinen zumindest die Ermittler des BKA. Dem widersprechen zahlreiche Journalisten und Kenner der Szene, die meinen, die Dritte Generation sei in Wirklichkeit ein Phantom um zu verschleiern, dass sich die beiden deutschen Staaten in den 80er Jahren einen Agentenkrieg geliefert haben. Das Fokussieren der Öffentlichkeit auf die RAF sei dabei Kalkül gewesen. Als „Beweis“ für diese Theorie wird immer wieder ausgeführt, dass viele der Terroristen der Zweiten Generation ja bereits in Ostdeutschland bzw. im Nahen Osten (Bagdad) waren und so kaum in Deutschland die nächste Generation rekrutiert und trainiert haben können. Es hätten einfach die Berührungspunkte gefehlt. Vor allem in der Person Friederike Krabbe sei man da auf dem Holzweg, weil sie offenbar gleich nach der gescheiterten Schleyer Aktion nach Bagdad gereist sei und dort – so wird ausgeführt bzw. spekuliert – bis zum amerikanischen Einmarsch 2003 gelebt haben soll. Krabbe selber kann dem nicht zustimmen oder widersprechen, sie gilt immer noch als verschollen.