Montag, 13. August 2012

Das Ding mit den Meisterschaften (schowieda amoi)

Die österreichische Fussball Union
Der erste Fussballverband der in der deutschösterreichischen Reichshälfte gegründet wurde war die „Österreichische Fussball Union“ am 4. Jänner 1900. Sie ging aus dem 1899 „Komitee für Veranstaltung von Fussballwettspielen“ , gegründet von M.D. Nicolson (Namensgeber des FC Nicolson, später FC Wien) hervor und war die Ausrichterin der ersten – heute als inoffiziell angesehenen – Meisterschafts- bzw. Länderspiele. Drei Meisterschaften wurden vollständig ausgetragen, die vierte nicht beendet. Hier die Sieger:
ÖFU-Liga



Die ÖFU veranstaltete auch die ersten – inoffiziellen – Länderspiele:
Am 18. November 1901 besiegte Österreich die Schweiz mit 4-0 und am 12. Oktober 1902 fand das erste offizielle Länderspiel statt, Gegner war Ungarn. Das Spiel endete mit 5-0 für Österreich. Leider war die Meisterschaft der ÖFU nicht annähernd so „offiziell“.
Am 18. März 1904 wurde der „Österreichische Fussball Verband“ als Konkurrenzunternehmung der zerstrittenen Fussball Union gegründet und übernahm – die Österreichische Fussball Union wurde aufgelöst – deren Agenden. So wurde versucht, für das Jahr 1906 eine Meisterschaft auszurichten, sie konnte aber nicht beendet werden, da einige Vereine Schwierigkeiten mit der Ausrichtung der Pflichtspiele hatten. Der ÖFV übernahm die Rolle als Freie Vereinigung der Österreichischen Amateur-Fußballvereine. Damit war die Ausrichtung eigener Meisterschaften möglich. Im Jahre 1911 richtete der am 16. Mai 1911  gegründete Niederösterreichische Fussballverband, dessen Hauptstadt Wien war, die erste Meisterschaft aus. Bis zur Saison 1922/23 sollten alle Meisterschaften vom NFV ausgerichtet werden. Die erste Meisterschaft die vom WFV (gegründet am 15. Februar 1923), dem Wiener Fussballverband ausgerichtet wurde, war jene von 1923/24. Beide Verbände wurden übrigens von Dr. Ignaz Abele gegründet. Sein Nachfolger, Dr. Josef Gerö vereinigte 1928 beide Verbände miteinander. Mit Einführung der Profimeisterschaft in der Saison 1924/25 änderte sich auch auf Bundesebene etwas, 1926 wird der ÖFV in ÖFB umbenannt, der sich nun um die Agenden der Profivereine kümmerte. Gleichzeitig wurde ab 1928 eine „Amateurmeisterschaft“ ausgespielt, welche sich bis 1937 hielt. Daneben gab es noch die VAFÖ Meisterschaften in Wien, der Verband der Arbeiterfussballer Österreichs war die Gegenveranstaltung des Roten Wien. Viele prominente Vereine – so auch der FAVAC – nahmen daran teil. Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten wurden alle bisherigen Verbände aufgelöst, es kam die Gauliga (Gau 17) als Ausrichterin ins Spiel. Das Kriegsende sah am 2. Mai 1945 die Wiedergründung des Wiener Fussballverbandes, dem der ÖFB kurz darauf folgte. Bis 1949 gab es dann wieder eine Wiener Meisterschaft, ehe auf Antrag des NFV eine gesamtösterreichische Meisterschaft ins Leben gerufen wurde. Mit Einführung der Bundesliga 1974 gerieten die Landesverbände ins Vergessen, der WFV zum Beispiel durfte nur mehr ab der 4. Liga (Wiener Stadtliga) die Spiele ausrichten. Zwei Bundesligen (seit 1991 ein eigenes Rechtskonstrukt innerhalb des ÖFB) und die drei Regionalligen, die zwar von den Landesverbänden beschickt, aber nicht kontrolliert werden standen darüber. Bis heute haben das die Funktionäre in Wien nicht verwunden und fühlen sich immer noch – zu Recht oder Unrecht – als eine Art „kleiner ÖFB“. Auch eine Art, Geschichte zu sehen.

Ebenso umstritten ist ja die Sichtweise, nachdem die österreichischen Meister ab der Saison 1911/12 zu rechnen sind – warum nicht schon die drei vorherigen auch noch – oder warum man eine Liga, die bis 1949/50 ausschliesslich mit Wiener Vereinen bestückt war, „Österreichische Meisterschaft“ nennen darf. Das Argument, dass Wien aufgrund der Einführung des Profifussballs quasi „zu stark“ für die anderen Bundesländer sei mag zwar schlüssig, aber nicht die einzige Wahrheit sein, weil man sich ja fragen kann, warum man in Wien unbedingt den Professionalismus – ausser in England gab es diesen weltweit noch nirgends – einführen musste, zumal die wirtschaftliche Situation damals in Deutschösterreich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und den hohen Reparationsschulden ohnehin nicht rosig war. Grossmannssucht ? Profilierungsneurose ? Oder was dann ? Dass die guten Spieler ins Ausland gehen würden stand ja nicht zu befürchten, die heute grossen Fussballnationen in der Nachbarschaft Österreichs gabs ja damals noch nicht, nur England und die südamerikanischen Staaten waren da zu nennen. Ersteres hatte ja selber genügend Spieler, dort gingen die nicht so guten ins Ausland – auch nach Österreich – und Südamerika war für den durchschnittlichen österreichischen Staatsbürger damals so weit weg wie heute der Mond.

Gut in der mediengesteuerten Öffentlichkeit hat sich die allgemeine Sichtweise der österreichischen Meisterschaft seit 1912 durchgesetzt, wobei ich mich immer frage, ob man sich da nicht – typisch österreichisch – in den eigenen Sack lügen will oder ob man da nur etwas nachahmt, was zum Beispiel in Deutschland (Einführung der Bundesliga 1964 bei gleichzeitiger Anerkennung aller ehemaligen deutschen Meister davor) funktioniert. Dabei wird nur vergessen, dass die Meisterschaften davor in Play-Offs der einzelnen Landesverbände ausgespielt wurden und man trotzdem von „echten deutschen Meistern“ sprechen kann, da praktisch jeder Verein, der in einem Verband spielte, die Chance hatte, Meister zu werden. Nicht so in Österreich. Die steirische Meisterschaft ist ja auch schon alt, das erste Fussballwettspiel in Östereich wurde am 18. März 1894 in Graz ausgetragen. Zwei Mannschaften des ATRV spielten gegeneinander. Zuvor schon wurde 1891 erste Fussballspiele an einem Badner Gymnasium ausgetragen – allerdings nach Rugbyregeln. Studenten waren es, die den Fussball nach Graz brachten, dies war 1893. Nun stellt sich die Frage, warum die zweite Wiege des Fussballs bis 1949/50 nicht an österreichischen Meisterschaften teilnehmen durfte. Der Steirische Fussballverband ist immerhin genauso alt wie der NFV, gegründet am 2. Juli 1911 (nur zwei Monate nach dem NFV). Ähnlich war auch der Zusammenschluss des Steirischen mit dem Kärntner Verband. Letzterer machte sich 1920 selbstständig. Die Gründungsmitglieder des Steirischen Fussballverbandes waren: GAK, Grazer Sportvereinigung, "Eiche" Cilli AC, Marburger SV, Knittelfelder SV, FC Schwarze Elf Judenburg, FC Lustenau. Über den Namen FC Lustenau stolperte ich auch, keine Ahnung wie der da hineinkommt, ich habe diese Passage von der Seite des Steirischen Fussballverbandes. Immerhin interessant, dass offenbar mehr als ein Bundesland sich da zusammengeschlossen hat. Österreichischer jedenfalls das der NFV.
Wie schon oben erwähnt gab es daneben ab 1928 auch eine Amateurmeisterschaft, welche von fast allen Bundesländern beschickt wurde und bis 1937 ausgetragen wurde. Hier die Meister:
Amateure (1928-1937)



Wenn man sich diese Ergebnisliste ansieht kommt man drauf, dass es sich hier um eine österreichweite Meisterschaft handelt, da aus so gut wie allen Bundesländern – nur Kärnten und das Burgenland haben sich nicht in die Ergebnislisten eingetragen, aber sehr wohl daran teilgenommen – Mannschaften spielten. Man könnte also auch diese Meisterschaft als eine österreichische sehen und die Wiener Meisterschaft als etwas eigenes. Eine NÖ/Wiener Profimeisterschaft zum Beispiel. Dann hätten wir bis 1949 österreichische Meister und Profimeister und ab 1949/50 dann echte österreichische Meister. Wäre wohl gerechter als diese Einteilung. Aber mich fragt ja keiner. Überhaupt gab es bis zum Zweiten Weltkrieg so viele unterschiedliche Meisterschaften und Verbände dass es für mich unmöglich ist herauszufinden, welcher Meister jetzt der einzig wahre „Österreichische Meister“ ist. Den Herren vom ÖFB ist das offenbar besser gelungen. Sie sind ja auch zugegebenermaßen älter als ich. Daher ist meine Conclusio – ohne Wertung, weil was es hat das wiegt es – dass ich erst ab der Saison 1949/50 von einer österreichischen Meisterschaft sprechen kann, egal was andere Leute/Verbände so behaupten. Alles andere vorher wäre unfair, da es keine Chancengleichheit gegeben hat. Aber vielleicht ist Fairness auch nicht gefragt beim Sport. Ich weiss es nicht so genau und vermute deswegen auch gar nichts.

Genauso ist es mit der vom VAFÖ (Vereinigung der Arbeiterfussballer Österreichs) ausgetragenen, auch rein Wiener Meisterschaft. Zwischen 1929/30 und dem Beginn des Ständestaates 1933/34 gab es ebenfalls eine eigene Meisterschaft. Hier die Meister – und gleich vorweg die Frage: Sind das jetzt auch „Österreichische Meister“ – da sie ja aus Wien kommend in Wien spielen ? Oder sind das jetzt Meister Zweiter Klasse ? Oder überhaupt keine Meister ? Oder was ? – Oder anders gefragt: sind die aktuellen Wiener Meister (da die österreichische Meisterschaft seit 1924 ja vom WFV ausgerichtet werden) jetzt in Wirklichkeit Österreichische Meister ? Hm ? Irgendjemand der das beantworten kann ?

VAFÖ-Liga
1929/30
1930/31
1931/32
1932/33
1933/34


Was machen wir im übrigen mit der Gauliga ? Österreich war ja damals Teil des Deutschen Reiches andererseits spielten sie ja eine eigene Meisterschaft. Ich weiss – es ist ein heikles Thema – aber man muss sich schon fragen, wie diese Zeit zu bewerten ist, da ja dieselben Mannschaften die vorher die Wiener/“Österreichische“ Meisterschaft ausgespielt haben, weiterspielen. In der Logik, dass – wenn die NÖ bzw. Wiener Meisterschaft auch die Österreichische Meisterschaft ist – müsste dann diese Meisterschaft ja auch eine „österreichische“ sein, egal ob es das Land „Österreich“ (gab es ja vor 1918 rein rechtlich auch nicht) gibt oder nicht. Interessante Frage, oder ?
Sport-Gau 17