Sonntag, 15. April 2012

HIGH FIDELITY


Der Fanausweis »tessera del tifoso« war vom italienischen Innenministerium als Wundermittel angepriesen worden: Er sollte die Gewalt aus den Stadien verbannen, den Fußball für Familien attraktiv machen und den Klubs ordentliche Merchandise-Einnahmen bringen. Jetzt ist der umstrittene Ausweis Geschichte. Für die Fans ist das aber noch lange kein Grund zum Feiern.


Kai Tippmann
| 12.04.2012
»Die Ultras und die gewaltbereiten Fans haben gewonnen.« Der Kommentar von Ex-Innenminister Roberto Maroni fiel knapp aus, nachdem der italienische Fußballverband Anfang März bekanntgegeben hatte, dass der Fanausweis »tessera del tifoso« ab der kommenden Saison der Vergangenheit angehören soll. Nach den Todesfällen im Jahr 2007 hatte Maroni die Fankarte im Sommer 2009 als neues Allheilmittel für die Probleme des italienischen Fußballs vorgestellt. Die »tessera« war nicht nur der notwendige Ausweis, um Saisonabos und Auswärtskarten zu kaufen, sondern gleichzeitig auch Kreditkarte mit Merchandise-Angeboten der jeweiligen Vereine. So sollten gewaltbereite Fans ausgesperrt werden – Personen mit Stadionverbot in den vorangegangenen fünf Jahren durften keine »tessera« erwerben – und alle anderen als »offizielle« Fans wirtschaftlich stärker an ihren Verein gebunden werden.

Wirkungsloses Allheilmittel

Das Ziel, die Stadien sicherer und für Familien attraktiver zu machen, wurde gleich auf mehreren Ebenen verfehlt. Die durchschnittliche Zuschauerzahl in der Serie A fiel in der ersten Hälfte der aktuellen Saison unter 23.000, und auch Ausschreitungen wurden nicht beseitigt. Sie verlagerten sich entweder in untere Ligen oder auf die Haupttribünen, wo sich Auswärtsfahrer mit Heimfans mischten. Der Protest der Ultra-Gruppen setzte bereits mit der Einführung der »tessera« ein, daneben formierte sich in der laufenden Saison ein breiter Widerstand aus unterschiedlichen Richtungen. Eine Allianz aus Vereinen, denen das zahlende Publikum abhandengekommen war, dem Verbraucherschutzverband, der die Koppelung an die Kreditkarte kritisierte, Verfassungsrechtlern, die Grundrechte wie die Bewegungsfreiheit gefährdet sahen, und Fananwälten, die Stadionverbote beeinspruchten, sorgte nun für das Aus der Fankarte. Ab nächster Saison soll sie durch die »Fidelity Card« ersetzt werden. »Die ›tessera del tifoso‹ hat hervorragende Ergebnisse geliefert«, sagte Roberto Masucci, der verantwortliche Beamte des Innenministeriums, gegenüber der Presse. »Jetzt ist es die Aufgabe der Vereine, die Funktion der ›Fidelity Card‹ durch Sonderpreise, Erleichterungen und weiteres anzureichern, um die Verbundenheit der Fans zu erhöhen.«

Alles beim Alten?

Freude über den Wegfall des unter Fans ungeliebten Ausweises ist womöglich verfrüht, denn was ändert sich in der Praxis? Völlig klar sind die Bedingungen der neuen »Fidelity Card« noch nicht, aber man kann davon ausgehen, dass die Koppelung an einen Kreditkartenvertrag wegfällt. Ebenso ist zu vernehmen, dass die Ausgabe nun automatisch erfolgen soll und nicht erst nach einem Prüfungsverfahren der zuständigen Polizeidienststelle. Damit wären zwar zwei grundsätzliche Probleme beseitigt, der eigentliche Knackpunkt bleibt aber bestehen: Paragraf 9 des »Decreto Amato«. Das umstrittene Maßnahmenpaket zur Stadionsicherheit des damaligen Innenministers Giuliano Amato aus dem Jahr 2007 gilt weiterhin für den Kauf jeder Karte. Es kann also vorkommen, dass man auch Jahre nach Ablauf eines Stadionverbots