Freitag, 19. August 2011

Ex-Rapidler klagt Rapid und Austria


Der durch einen Böllerwurf im Jahr 2008 verletzte Georg Koch fordert von den Erzrivalen eine knappe Million Euro. 

 

Der Fußball produziert bisweilen Nebengeräusche, manche davon sind Jahre später noch zu vernehmen. Es war einmal ein Böllerwurf, in einem Wiener Derby, der das Leben des Fußballtorhüters Georg Koch mit einem Knall radikal verändern sollte. Seit damals, August 2008, leidet die ehemalige Nummer 1 von Rekordmeister Rapid an Tinnitus, klagt über Schwindelgefühl, über Gleichgewichtsstörungen. An eine Fortsetzung der Karriere war nicht mehr zu denken.

Schmerzensgeld

Drei Jahre später sorgt der Fall für einen späten Knalleffekt. Denn Koch, mittlerweile 39, geht laut KURIER-Recherchen juristisch gegen die Wiener Erzrivalen Austria (der Knallkörper kam aus dem violetten Fansektor geflogen) und Rapid vor. Koch hat über seinen deutschen Anwalt beim Fußballweltverband FIFA, bei der sogenannten Kammer zur Beilegung von Streitigkeiten, eine Klage eingebracht. Die Forderung: 912.000 Euro. Und: "Feststellung der Haftung für darüber hinausgehende Schäden." Konkret fordert Koch Schmerzensgeld und Verdienstentgang, da er seinen Beruf aufgrund des Knalltraumas nicht mehr ausüben könne. Er verweist auf zahlreiche Gutachten und ist des Themas langsam leid: "Es ist traurig, dass sich die Sache so lange hinzieht. In Deutschland wurde mir eine 20-prozentige Invalidität bescheinigt, in Österreich nicht. Dabei dachte ich, wir sind alle in der EU." Die Klage gegen Austria und Rapid sei, wie Koch erzählt, nicht die einzige Stoßrichtung "Wir gehen zivilrechtlich auch gegen den Werfer vor. Und gegen die zuständige Security-Firma." Letztere sieht die Causa gelassen, ist aber ebenfalls mit einer Forderung von einer knappen Million Euro konfrontiert. Koch: "Ich jedenfalls kann für die ganze Sache nichts."


Höchststrafe

Koch stützt sich in seiner Klage gegen die Wiener Großklubs auf die Verurteilung von Austria und Rapid durch die Fußball-Bundesliga. Der zuständige Senat 1 hatte nach dem Böller-Derby über den Gastverein Austria die Höchststrafe verhängt - 10.000 Euro für das Zünden zahlreicher Feuerwerkskörper im violetten Sektor. Gastgeber Rapid wurde von den Fußballrichtern mit einer Buße von 7000 Euro abgemahnt. Rapid will von Kochs Klage bei der FIFA noch nicht wissen. Der Klub beruft sich auch auf Auflösungsvereinbarung mit dem ehemaligen Torhüter. Für Austria indes könnte die Causa deutlich mehr Brisanz bergen. Denn: Laut den Meisterschaftsregeln des Österreichischen Fußballbundes haftet nicht nur der Heimverein für das schlechte Benehmen vereinzelter Zuschauer, sondern auch der Gastverein "für das Verhalten der ihm zurechenbaren Anhänger".  Koch beruft sich diesbezüglich auf ein Urteil, das der internationale Sportgerichtshof im Jahr 2007 gegen Feyenoord Rotterdam gefällt hatte. In der Tat besteht kein Zweifel daran, dass die Tat vom 24. August 2008 im Austria-Sektor ihren Ausgang nahm. Der vermutete Knallkopf, damals 17 Jahre alt, wurde strafrechtlich in erster Instanz im Zweifel freigesprochen. Mittlerweile hat das Oberlandesgericht Wien dieses Urteil jedoch aufgehoben und eine Neuauflage des Prozesses angeordnet. Im zweiten Versuch soll es auch zu einer detaillierten Auswertung der Fernsehbilder der TV-Sender ORF und Sky kommen.

Zur Person: Pechvogel im grün-weißen Trikot

Abschied im Derby Georg Koch wurde am 3. Februar 1972 geboren. Als 36-Jähriger wechselte der Deutsche 2008 von Dinamo Zagreb zu Rapid, um den an einer Venenthrombose erkrankten Helge Payer zu vertreten. Am 24. August 2008 beim Derby im Hanappi-Stadion bückte sich Koch nach einem auf ihn geworfenen Gegenstand, als ein Knallkörper in unmittelbarer Nähe explodierte. Ein damals 17-jähriger Austria-Fan wurde als vermeintlicher Täter ausgeforscht. Tinnitus Rapid-Arzt Benno Zifko stellte bei Koch, der seine Karriere 1992 beim Traditionsklub Fortuna Düsseldorf begonnen hatte, eine Vertäubung des rechten Ohrs, Gleichgewichtsstörungen und einen Tinnitus fest. Nach mehrwöchiger Rehabilition meinte Koch, er wäre weiterhin nicht fit und zog zurück nach Deutschland. Nach der Vertragsauflösung bei Rapid am 31. Jänner 2009 folgte im März 2009 das Karriereende - ein Comebackversuch in der 7. Liga scheiterte.