Donnerstag, 25. Dezember 2014

Kriegsende in Ungarn

Asternrevolution
 
Als Asternrevolution (ungarisch: Őszirózsás forradalom, dt. auch Herbstrosenrevolution) werden die Demonstrationen, Unruhen und Streiks von Soldaten und Zivilisten genannt, die in Budapest und anderen Städten zwischen dem 28. und 31. Oktober 1918 stattfanden.
Ungarische Revolutionäre (31. Oktober 1918)
Der Name leitet sich von den Astern ab, die die Soldaten anstelle der entfernten Embleme der k.u.k.-Armee an ihre Mützen hefteten und die zu ihrem Symbol wurden.
 
Im Zuge des Zerfalls der Österreich-Ungarischen Monarchie am Ende des Ersten Weltkriegs kam es in Ungarn zur Bildung einer bürgerlich-demokratischen Regierung unter der Führung von Mihály Károlyi. Mit dem Regierungsverzicht Karl IV., des Nachfolgers von Franz Joseph I. ging das Königtum in Ungarn vorläufig zu Ende, und die Ungarische Volksrepublik wurde gegründet. Mit der Asternrevolution erlangte Ungarn die Unabhängigkeit von Österreich.
Der neuen Regierung gelang es nicht, das Gebiet des ehemaligen Königreichs zusammenzuhalten. Truppen der Nachbarländer Rumänien und der Tschechoslowakei schufen mit der Besetzung von Bratislava und Cluj Napoca territoriale Fakten, die internationale Regelungen vorwegnahmen. Die kroatische Nationalversammlung fasste den Entschluss, sich dem geplanten jugoslawischen Staat anzuschließen. Ein bedeutender Teil Ungarns geriet unter französische, rumänische und serbische Kontrolle. Diese territorialen Verluste führten nach wenigen Monaten zum Sturz der Regierung Károlyi. Ein ungarisches Pendant zur Dolchstoßlegende machte ihn und seine Minister für das Auseinanderfallen des Landes verantwortlich. Vertreter der Kleinen Entente verlangten von der Regierung immer weitere Gebietsabtretungen, was sie schließlich veranlasste, am 20. März 1919 zurückzutreten und «dem Proletariat der Völker von Ungarn» die Macht zu übertragen. Zu dieser Zeit bereiteten die führenden sozialdemokratischen und kommunistischen Politiker in den Budapester Sammelgefängnissen bereits die Bildung einer Räterepublik nach sowjetischen Muster vor. Am 21. März 1919 ergriffen diese unter Béla Kun die Macht.
 
Die gesellschaftliche Entwicklung im Königreich Ungarn zur Zeit der Jahrhundertwende war von starken sozialen Gegensätzen geprägt. Einerseits erntete eine schmale Oberschicht die Profite der Industrialisierung und trug zu technischem und kulturellem Fortschritt bei. Andererseits litt der Großteil der Bevölkerung unter Armut, geringer Bildung und einem mangelhaften Gesundheitssystem. Beispielsweise erreichte nur die Hälfte der Geborenen das fünfte Lebensjahr.
Im Verlauf des 1. Weltkriegs verhärtete sich die soziale Situation der Bevölkerung drastisch. Erkennbar ist dies beispielsweise an der Lohnentwicklung während der Kriegsjahre. Im Verhältnis zum Reallohn eines Fabrikarbeiters in den Jahren 1913/14 sank das Lohnniveau im Jahr 1918 auf 53,4%. Staatliche Amtsträger erhielten nur noch ein Drittel (32,9%) des Lohnes vor Kriegsausbruch. Während die Dividenden des Großkapitals stiegen (z.B. zwischen 1916 und 1917 im Bergbau um 38%), war die einfache Bevölkerung vor existentielle Probleme gestellt. In der ersten Hälfte des Jahres 1918 wurde die Brotrationen pro Person von 100 auf 50 Gramm reduziert. Als auch die grundlegende Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern nicht mehr gewährleistet war, kam es im ganzen Land zu Streiks. Im Januar 1918 begannen die Munitionsarbeiter in Wien einen allgemeinen Streik, der sich auch nach Budapest und Provinzstädte in Ungarn ausbreitete. In den folgenden Monaten kam es zu Meutereien, wie z.B. im Mai in Pécs, denen sich bewaffnete Bergarbeiter anschlossen. Im Herbst des Jahres wurden die Forderungen der hungernden Bevölkerung nach Land und nach einem grundlegenden Ausbau der Freiheitsrechte radikaler.
Die Zahl der Kriegsgegner in Ungarn hatte ebenfalls im Lauf der Kriegsjahre zugenommen. 1914 verfügte die Regierung noch über die Unterstützung einer breiten Parteienfront, einschließlich der außerparlamentarischen Ungarischen Sozialdemokratischen Partei (Magyarországi Szociáldemokrata Párt, MSZDP). Ab 1916 traten schließlich auch die MSZDP, die 1914 gegründete Bürgerlich-Radikale Landespartei (Országos Polgári Radikális Part) und die Partei der Kleinlandwirte (Kisgazdapárt) für ein Ende des Kriegs ein.
Die innerpolitischen Spannungen im Land wurden zudem durch die Frage der Minderheiten verschärft. Obwohl nur etwa die Hälfte der Einwohner des ungarischen Königsreichs ethnische Magyaren waren, waren nur 5 der 143 Parlamentsabgeordneten Angehörige anderer Völker. Die Minderheiten sahen in der Gründung eigener Nationalstaaten eine Chance auf politische und kulturelle Unabhängigkeit. Die Zusammensetzung des Parlaments zeigt auch die mangelnde Repräsentation von Arbeitern (keine Vertreter) und Bauern (2 Vertreter). Nur 12% der Bevölkerung über 21 Jahre waren wahlberechtigt. Die gravierende soziale Ungleichheit führte zu einem starken Zulauf bei Gewerkschaften, linken Parteien und Arbeiterorganisationen.
Als der Verlust des Krieges offensichtlich wurde und nationale Kräfte in dem Vielvölkerstaat begannen, die Errichtung unabhängiger Staaten vorzubereiten, ging dies mit dem Zerfall der Doppelmonarchie einher.
 
begann mit der Gründung des Nemzeti Tanács (ungarisch für ‚Nationalrat‘) in der Nacht des 23. Oktober 1918. Der Rat unter dem Vorsitz von Károlyi forderte in einem 12-Punkte-Manifest die sofortige Beendigung des Krieges, die Einräumung vollständiger Unabhängigkeit, die Einführung tiefgreifender demokratische Reformen sowie Versöhnung mit den Nationen und territoriale Integrität. Die Demonstranten übernahmen die Ziele des Nationalrats und forderten die Ernennung Károlyis zum Ministerpräsidenten. Dieser bildete mit den Vertretern der drei Parteien des Nationalrats, der Függetlenségi és 48-as Párt (‚Partei der Unabhängigkeit und der 48-er‘), der Polgári Radikális Párt (‚Bürgerlich-Radikale Partei‘) und der Magyarországi Szociáldemokrata Párt (‚Ungarische Sozialdemokratische Partei‘) eine neue Regierung.
Am 27. Oktober 1918 ernannte Kaiser Karl I. (bzw. Karl IV., König von Ungarn ) den Grafen János Hadik zum Ministerpräsidenten, worauf massenhafte Proteste der Bevölkerung folgten. Die protestierenden Massen forderten die Ernennung des Vorsitzenden des Ungarischen Nationalrats, Graf Károlyi, zum Regierungschef. Károlyi hatte sich bereits in den Jahren zuvor als Kriegsgegner profiliert, sich für eine Liberalisierung des Wahlrechts sowie eine Lösung der Landfrage eingesetzt.[8]
Die Budapester Garnison unterstand zu dieser Zeit dem Soldatenrat. Am Nachmittag und in der Nacht des 30. Oktober nahmen die Einheiten des Soldatenrats strategische Punkte (Bahnhöfe, Telefonzentrale, Banken, Brücken, Post, Militärdepot) in Budapest ein. Dabei folgten sie der Weisung des Nationalrats, allerdings kam es auch zu selbst initiierten Aktionen. Die Soldaten und Matrosen wandten sich gegen ihre Offiziere, entwaffneten sie und befreiten politische Gefangene. Sie ersetzten ihre Rangabzeichen durch weiße Astern, die sie an ihre Uniformen und in die Gewehrläufe steckten.[9] Am Morgen des 31. Oktobers zog der mit königlicher Vollmacht ausgestattete Joseph August von Österreich die drei Tage zuvor erfolgte Ernennung János Hadiks zurück und ernannte Mihály Károlyi zum Ministerpräsidenten.
 
 
Mihály Károlyi (durch ein schwarzes x über seinem Kopf markiert) während einer Rede vor dem ungarischen Parlamentsgebäude (16. November 1918)
Die Machthaber in Wien reagierten auf den Druck der Straße, indem sie Károlyi am 31. Oktober mit der Kabinettsbildung beauftragten, was einen friedlichen Übergang zur bürgerlich-sozialdemokratischen Regierung ermöglichte. Am 2. November legten die Offiziere der Garnison den Eid auf die neue Regierung ab. König Karl verzichtete in der Folge am 13. November, wie schon zwei Tage zuvor in Deutschösterreich, auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften. Am 16. November 1918 übertrug das ungarischen Parlament die oberste Staatsgewalt auf die Regierung Károlyis. Am selben Tag wurde die Ungarische Volksrepublik bzw. Ungarische Räterepublik ausgerufen.