Montag, 8. Dezember 2014

Aus den deutschen Medien

Wie Crystal Meth in den deutschen Stadien wütet
"Vor dem Spiel bin ich so besoffen, die würden mich nicht reinlassen. Mit einer Linie Crystal Meth merken die nix." Die Teufelsdroge ist im Fußball angekommen. Experten warnen, die Liga ist alarmiert.
 
Wie Hooligans sich mit Crystal aufputschen
Die gefährlichste Droge der Welt verbreitet sich in deutschen Fußballstadien. Hooligans und Ultras bringen sich mit Crystal Meth in Stimmung. Die Teufelsdroge passt perfekt zu den gewaltbereiten Fans.
 
 
Das Plakat, das Anfang März 2014 im Fanblock von Borussia Dortmund auftauchte, gab unbeteiligten Zuschauern Rätsel auf. "Ey Nürnberg: Kein Geld für Kokain? Oder warum den billigen Dreck aus Tschechien ziehen?", war dort während der Partie gegen den 1. FC Nürnberg zu lesen, bevor es von Ordnern eilig einkassiert wurde. Die Buchstaben "B", "D" und "A" waren rot abgehoben. In der Szene wurde das als Anspielung auf die "Banda di Amici", eine Nürnberger Ultra-Gruppierung, verstanden. Aber was ist der "billige Dreck aus Tschechien"?
Die Antwort: Es geht um Crystal Meth, eine synthetische Droge auf Methamphetamin-Basis, die vor allem in Tschechien hergestellt wird und dort günstig zu haben ist. Bekannt wurde sie auch durch die TV-Serie "Breaking Bad", in der der todkranke Chemielehrer Walter White zentnerweise Meth kocht und zum Drogenbaron aufsteigt. Seit Jahren überschwemmt der Stoff den internationalen Markt, in Deutschland hat sich der Konsum seit 2011 fast verzehnfacht, so interne Erkenntnisse der Polizei. Zudem hat sich die Zahl der erstauffälligen Crystal-User inzwischen signifikant erhöht.
Die Aufputschdroge ist im Zuge dieser Entwicklung offenbar auch im Stadion angekommen. Der Konsum von Crystal Meth soll in Ultras- und Hooligan-Kreisen weit verbreitet sein, was nicht nur das Plakat im Dortmunder Fanblock dokumentiert. Verschiedene andere Indizien weisen in diese Richtung.
Crystal Meth wird in mehr als 1300 illegalen Drogenlaboren in Tschechien hergestellt und dort hauptsächlich auf den Asia-Märkten vertrieben – gleich neben nachgemachten Bundesligatrikots und gefälschten Zigaretten. Ein Gramm kostet 20 Euro, das reicht für zehn Mal Vollrausch. Von Dresden, Leipzig oder Nürnberg über die Grenze zu den Meth-Märkten sind es gerade mal eine Stunde Autofahrt. Doch längst ist Crystal auch in anderen Großstädten wie Hamburg, Berlin oder München präsent, wo es für bis zu 120 Euro pro Gramm gehandelt wird.
Die Wirkung ist verheerend: Die Droge macht extrem schnell abhängig, dauerhafter Konsum führt zu Psychosen und körperlichem Verfall.
Längst gilt Crystal Meth als gefährlichste Droge der Welt. Als angstlösende Putsch-Substanz wurde der Stoff bereits im Zweiten Weltkrieg beim Militär eingesetzt.
Die Wirkung passt zur Klientel der gewaltbereiten Hooligans. Sie euphorisiert, senkt das Schmerzempfinden und steigert das Selbstbewusstsein. "Alkohol ist und bleibt zwar das Hauptproblem in der Fanszene, aber auch der Crystal-Konsum vor Bundesligaspielen ist alles andere als ein Einzelfall. Die DFL weiß das und geht dieses Problem jetzt endlich an", sagt Roland Härtel-Petri, einer von Deutschlands führenden Suchtmedizinern und Autor des Buches "Crystal Meth: Wie eine Droge unser Land überschwemmt".
Am vergangenen Dienstag hielt er auf Einladung der Deutschen Fußball Liga (DFL) und des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) vor den Fanbeauftragten der Profiklubs einen Vortrag zum Thema Crystal Meth. "Die Verbände verhalten sich da sehr professionell und bemühen sich um Aufklärung", sagt der Mediziner. Öffentlich wollte sich kein DFL-Vertreter zur heiklen Thematik äußern.
Härtel-Petri berichtete auf dem Fachtag zum Thema "Drogen in Fanszenen" auch von mehreren Fußballfans, die er in den letzten Jahren im Therapiezentrum Hochstadt am Main sowie in der Suchtmedizin des Bezirkskrankenhauses Bayreuth als Arzt betreut hat. "Crystal ist vor allem bei Hooligans beliebt. Es enthemmt, damit kann man super zuschlagen und steht vor seinen Freunden als der große Macker da", bestätigt der Experte. Zum Teil werde die Droge auch mit Alkohol konsumiert, "um das 'Besoffensein' zu dämmen und zu vertuschen."

"Mit einer Linie Crystal merken die nix"


Er zitierte einen ehemaligen Patienten, den er behandelt hat: "Vor dem Spiel bin ich so besoffen, die würden mich nicht reinlassen. Mit einer Linie Crystal merken die nix, und wenn es Zoff gibt, dann soll mir keiner dumm kommen", sagte er. Ein Meth-User aus München, der sich regelmäßig zu Schlägereien nach Spielende traf, pries ebenfalls die bewusstseinsschärfende Wirkung der Droge: "Von Alkohol hingegen wirst du nur müde und lahm – ein Opfer."
Dresden, kurz vor dem Anpfiff des Drittliga-Spiels zwischen Dynamo und den Amateuren von Borussia Dortmund. "Dieses Teufelszeug wird langsam zum Problem", schimpft der Taxifahrer, während er auf das hell beleuchtete Stadion zufährt. Mit Teufelszeug meint er Crystal Meth, konsumiert von Fußballfans. "Und wir haben nachher das Ergebnis im Wagen. Total zappelig und aggressiv sind die Jungs. Fragen Sie doch mal in der Sportbar dort hinten nach", sagt er.
 
Dort stehen Mirko und Dennis (Namen geändert) mit einem Bier am Tresen, man kommt ins Gespräch. Beide sind Mitte 20, optisch unauffällig und keiner speziellen Fangruppe zuzuordnen. "Wir kennen viele Leute, die regelmäßig Crystal vor den Spielen nehmen. Und das sind nicht nur Hools", bestätigen sie. Ob sie selbst konsumieren, verraten sie nicht. Die Atmosphäre wird schnell ungemütlich in der Kneipe, die anderen Gäste reagieren gereizt auf das Thema.

Das Schweigen der Liga


Es ist etwas, an dem sich niemand die Finger schmutzig machen möchte. Ein dreckiges Geschäft. Auch die meisten Vereine blocken beim Thema ab – viele Fanbeauftragte haben diesbezüglich einen Maulkorb verpasst bekommen. Henry Buschmann, Pressesprecher von Dynamo Dresden, sagt, dass "es sich um ein gesellschaftliches Problem handelt" und kein spezielles im Fußball. Hooligans gibt es nach seiner Auskunft bei Dynamo nur noch vereinzelt. Ins Detail möchte er aber nicht gehen, ein Treffen lehnt er ab.
Auch wenn die Meth-Problematik in der Politik mittlerweile ganz oben auf der Liste steht, bleibt das Auftreten der Droge mit dem extremen Suchtpotenzial im Profifußball ein ziemlich unerforschtes Phänomen. "In bestimmten Hooligan-Szenen soll Crystal Meth ein Thema sein. Verlässliche Angaben und Zahlen liegen uns dazu aber bislang nicht vor", sagt Marlene Mortler (CSU), die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Die Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD, Petra Ernstberger, ergänzt: "So traurig es auch ist: Diese Leute wollen ihre Aggressionen ausleben und Schmerz vergessen. Wollen leistungsfähig sein, um sich zu schlagen. Crystal ist ein riesiges Problem."
Mit den Fans reist das Meth durch die Republik. "Hier hat es nur vereinzelte Fälle gegeben", sagt der Wiesbadener Polizeisprecher Markus Hoffmann, "vor allem dann, wenn Fußballfans aus anderen Bundesländern zu Gast waren." Anders als früher bei Amphetaminen wirkt Crystal um ein Vielfaches länger – bis zu 48 Stunden. Ideal für eine Auswärtsfahrt.

Auch die Helden von Bern sollen auf Meth gewesen sein


Übrigens taucht die illegale Substanz nicht zum ersten Mal im deutschen Fußball auf. In den 50er-Jahren wurde Methamphetamin als Medikament unter dem Namen "Pervitin" vertrieben – und das sollen sogar die deutschen Weltmeister von 1954 genommen haben. Behauptet jedenfalls der Historiker Erik Eggers, der intensiv zu dem Thema geforscht hat: "Man muss davon ausgehen, dass damals Amphetamine verabreicht wurden. Alles andere macht wenig Sinn", sagt er und spielt auf die zahlreichen Fälle von Gelbsucht an, unter der viele Spieler anschließend litten. Bewiesen wurde diese These allerdings nie.