Sonntag, 9. Februar 2014

Dylan Farrow Allen

Dylan Farrow kann keine Spielzeug-Eisenbahn sehen

In einem offenen Brief beschuldigt Woody Allens Tochter Dylan Farrow ihren Vater, sie sexuell missbraucht zu haben. Jetzt äußerte sich der Schauspieler: Die Vorwürfe seien "unwahr und beschämend". Von Uwe Schmitt, Washington
 
Eine junge Frau krümmt sich auf ihrem Bett vor Ekel und Schmerzen. Der Fernseher läuft, Weinkrämpfe nehmen ihr den Atem: Es ist, als habe sie ein entsetzliches Verbrechen mitansehen müssen. So ähnlich muss man sich die Szene in einem Haus in Florida vorstellen, als Dylan Farrow, 28, vor Wochen von dem Golden Globe für Woody Allens Lebensleistung erfuhr. Was Allens Publikum und seine loyalen Stars von Diane Keaton ("Annie Hall") bis Cate Blanchett ("Blue Jasmine") als überfällig feierten, kann seine Adoptivtochter Dylan nicht ertragen. Ihr Vater habe sie als Siebenjährige sexuell missbraucht und über Jahre unsittlich berührt, schreibt sie in einem offenen Brief in der "New York Times". Eine der bittersten Familienfehden Hollywoods bricht erneut aus wie eine ansteckende, unheilbare Krankheit.
 
Ein Vater kann nicht in schlimmeren Verdacht als den eines Schänders seiner Kinder geraten. So geschah es 1993, als Woody Allens kleine Ziehtochter ihrer Mutter Mia Farrow gestand, ihr Vater habe sie in einer Dachkammer sexuell missbraucht. Es folgten Anzeigen, Ermittlungen, Gerichtsverfahren, ein Zirkus der hässlichsten Art. Eine Gruppe Psychiater glaubte Woody Allen alias Allen Konigsberg, der seine Unschuld beteuerte. Auch dieses Mal weist er alle Vorwürfe von sich. Über seine Presseagentin Leslee Dart ließ der Regisseur am Sonntag ausrichten, er habe Farrows Artikel gelesen und ihn "unwahr und beschämend" gefunden. Dart ließ die Öffentlichkeit wissen, der 78-Jährige werde "sehr bald" antworten.
 
In Ermittlungen vor vielen Jahren neigte der damalige Richter jedoch eher dazu, Dylan und ihrer Mutter zu glauben. Es kam, angeblich trotz ausreichender Indizien, nie zu einer Anklage wegen "unangemessenen Berührens". Um Dylan zu schonen, wie es hieß. Woody Allens Anwälte beschuldigten Mia Farrow, mit der (und ihren 14 adoptierten Kindern) er ein Dutzend Jahre zusammen gewesen war, der neurotischsten Rachegelüste.
 
Am Ende musste die Unschuldsvermutung gelten. Mindestens außerhalb der Familie Farrow, wo Allen aus der kollektiven Erinnerung getilgt wurde wie ein "Verräter" aus einem stalinistischen Politbüro. Mia Farrows Sohn Fletcher Previn ist stolz darauf, Allen mit Photoshop aus jedem Familienfoto und Video gelöscht zu haben: "Wir können sie ansehen und uns an das Gute erinnern, ohne uns an das Schlechte erinnern zu müssen." Diese Abtötung einer Person bei lebendigem Leib aus der Erinnerung einer Familie hat etwas ebenso Grausames wie Törichtes.

Er habe geflüstert, sie sei ein gutes Mädchen


Nachdem Woody Allen sich in seine Ziehtochter Soon Yi-Previn, heute 45, verliebt hatte und Mia Farrow verließ, wurde er zur unaussprechlichen Person, schlimmer als der Teufel selbst, den man namentlich verflucht. Bis heute kann Dylan Farrow, die unter einem anderen Namen "glücklich verheiratet", wie sie schreibt, in Florida lebt, weder den Namen ihres Adoptivvaters aussprechen noch sein Bild ertragen. Nicht einmal Spielzeug-Eisenbahnen kann sie sehen: Während ihr Vater sie missbrauchte, habe sie, auf dem Bauch liegend, einem Miniaturzug zuschauen müssen, der im Kreise fuhr. Und während er sich an ihr verging, habe er geflüstert, sie sei ein gutes Mädchen. Dies sei nun ihr Geheimnis, und er werde sie nach Paris mitnehmen, wo sie ein Star würde in seinen Filmen.
Die Boulevardpresse fraß sich 1993 satt an dem Skandal, in dem die Wahrheit Glaubenssache blieb. Er hatte alles, was nicht zusammengehört: den intellektuellen, geliebten Stadtneurotiker aus Manhattan unter dem Verdacht der Kinderschändung, beschuldigt des gefühlten Inzests. Zwar war Allen nie mit Mia Farrow, heute 68, verheiratet, zudem hatte sie Soon-yi adoptiert, nicht Allen. Doch hatte der Regisseur nicht Millionen Dollar für Anwälte und Privatdetektive ausgegeben und zwei Sorgerechtsprozesse samt ihren Revisionen verloren? Manche Reporter beschrieben Mia Farrow als heilige Mutter Theresa Holywoods. Sie waren weniger gnädig gewesen, als sie mit 19 Jahren den 54 Jahre alten Frank Sinatra heiratete.
 
Der Sänger war die Liebe ihres Lebens. Das Paar war an Jahren kaum näher als Allen und Soon-yi. Auf die Frage von "Vanity Fair", ob Ronan Farrow, 26, der als leiblicher Sohn Woody Allens gilt, von Sintara stammen könnte, antwortete Mia Farrow: "Möglicherweise." Jedes Foto klärt die Sache zu Ungunsten Allens. Ronan verfolgt seinen Adoptivvater mit demselben qualvollen Hass, der die Seelen der Farrows seit 20 Jahren vergällt. Und André Previn vergiftet, Mia Farrows zweiten Ehemann. Über seine verstoßene Ziehtochter Soon-yi sagte er in "Vanity Fair": "Sie existiert nicht." Noch eine Löschung eines ganzen Lebens.

"Sonst hätte ich es auf meinem Sterbebett bereut"


Sie alle mögen ihr schrecklichen Gründe haben für diesen unbändigen Hass. Sexueller Missbrauch von Kindern, erst recht der eigenen, ist in jeder Zivilisation so widerwärtig, dass Kinderschänder im Knast um ihr Leben fürchten. Ob sich Dylan Farrow tatsächlich zum ersten Mal öffentlich äußert, weil ihr Peiniger den Cecil B. DeMille-Preis erhält, ist unwichtig. Sie beschloss, über einen mit der Familie Farrow befreundeten Kolumnisten der "New York Times", Nicholas Kristof, ihre Anprangerung des Kinderschänders nach 20 Jahren vor dem Gericht der Öffentlichkeit nachzuholen. "Sonst hätte ich es auf meinem Sterbebett bereut... Ich weiß, es steht Aussage gegen Aussage", vertraute sie Kristof an.
 
Dieser notierte am 2. Februar in seiner Kolumne: "Niemand von uns kann sicher sein, was genau geschah... Doch die Golden Globes haben sich auf Allens Seite geschlagen, im Endeffekt bezichtigen sie damit Dylan, entweder zu lügen oder nicht zu zählen." Wirklich? Wäre Allen schuldig, er wäre nicht das erste künstlerische Genie und menschliche Schwein. Es ist höchst ungewöhnlich, dass ein Journalist sich in eine solche Familienfehde einmischt. Kristof bemüht sich um Fairness, ergreift jedoch klar Partei. So wie Diane Keaton, die bei den Golden Globes am 12. Januar die Laudatio auf den (wie immer bei Preisgalas abwesenden) Woody Allen hielt, auf der Gegenseite steht.
 
Keaton antwortete auf eine Frage der "Welt am Sonntag" nach der Wirkung des "Vanity Fair"-Artikels, in dem Dylan die Missbrauchsvorwürfe erneuerte: "Tut mir leid, das kann ich nicht kommentieren. Ich kann nicht erkennen, dass ihm diese Berichterstattung geschadet hätte. Oder dass er jetzt gramgebeugt durchs Leben gehen würde. Ich finde, er hat das Ganze mit einer gewissen Würde ertragen."

Wir alle sollen ihre Jury sein


Den Farrows, die Dylans Würde als Tochter seit 20 Jahren geschändet sahen, müssen die Lobreden unerträglich sein. "Was wenn es Deine Tochter gewesen wäre, Cate Blanchett? Louis CK? Alec Baldwin", notiert Dylan in ihrem offenen Brief, "Was wenn es Dich getroffen hätte, Emma Stone? Oder Dich Scarlett Johansson? Du kanntest mich, als ich ein kleines Mädchen war, Diane Keaton. Hast Du mich vergessen?" Sie habe es mit der Hilfe ihrer Familie und ihres Ehemanns geschafft. Aber andere Missbrauchsopfer seien "voller Angst, verwundbar und sie ringen um den Mut, die Wahrheit zu sagen". Das ist die Wahrheit. Die einzige in ihrer Anklageschrift, die zu beweisen ist.
Über Twitter reagierte Alec Baldwin auf Forderungen, er solle zu dem Brief Stellung beziehen. "Sie liegen falsch, wenn Sie glauben, dass es einen Platz für mich oder irgendeinen Außenstehenden in der Angelegenheit dieser Familie gibt", schrieb er.
 
Am Ende ihres Briefes wendet Dylan Farrow sich ab von Hollywood, so wie sich Hollywood – mit wenigen Ausnahmen ("meinen Helden") – von ihr abwandte. Wir alle sollen ihre Jury sein. "Woody Allen ist ein lebender Ausweis für die Art, wie unsere Gesellschaft die Opfer von sexueller Gewalt und von Missbrauch im Stich lässt. Also stellen Sie sich vor, ihre siebenjährige Tochter wird von Woody Allen in eine Mansarde geführt. Stellen Sie sich vor, sie verbringt ein Leben in mit Brechreiz, wenn sein Name fällt. Stellen Sie sich eine Welt vor, die Ihren Peiniger feiert. Können Sie das? Und nun: Was ist ihr Lieblingsfilm von Woody Allen?"







Woody Allen wies erneut Missbrauchsvorwürfe von Adoptivtochter zurück

 
8. Februar 2014, 11:27

Starregisseur attackiert frühere Lebenspartnerin Mia Farrow

New York - US-Starregisseur Woody Allen hat die Missbrauchsvorwürfe seiner Adoptivtochter Dylan Farrow erneut zurückgewiesen. In einem Gastbeitrag in der "New York Times" schrieb der Filmemacher am Freitag: "Natürlich habe ich Dylan nicht sexuell belästigt." Er habe seine Adoptivtochter geliebt und hoffe, dass sie eines Tages begreife, dass sie darum betrogen worden sei, einen liebenden Vater zu haben.
Am Sonntag hatte bereits die Agentin des 78-Jährigen die Vorwürfe als "unwahr und beschämend" zurückgewiesen. Die heute 28-jährige Dylan Farrow hatte ihren Adoptivvater in einem von der "New York Times" am Samstag veröffentlichten Brief beschuldigt, sie im Alter von sieben Jahren sexuell missbraucht zu haben.
Die Vorwürfe sind nicht neu, Allens frühere Lebenspartnerin Mia Farrow hatte sie bereits vor mehr als 20 Jahren zur Sprache gebracht. Erstmals aber meldete sich nun seine Adoptivtochter selbst mit detaillierten Schilderungen zu Wort. Kurz vor der Oscar-Verleihung am 2. März warf sie Hollywood zudem vor, die Vorwürfe zu ignorieren. Allen warf seiner früheren Lebenspartnerin nun vor, die gemeinsame Adoptivtochter ausgenutzt zu haben. Ihre eigene Wut sei für sie immer wichtiger gewesen "als das Wohlergehen ihrer Tochter", hielt Allen der Schauspielerin Mia Farrow vor.
Mia Farrow hatte die Anschuldigungen im Rahmen eines erbitterten Sorgerechtsstreit mit ihrem langjährigen Lebensgefährten Allen erhoben. Sie hatte zuvor entdeckt, dass dieser ein Verhältnis mit ihrer damals 19-jährigen Adoptivtochter Soon-Yi Previn hatte. Allen warf Farrow damals vor, die Missbrauchsvorwürfe aus Rachsucht konstruiert zu haben und die Kinder in ihrem Sinne zu manipulieren.
In dem Sorgerechtsstreit hatte ein New Yorker Richter die Missbrauchsvorwürfe 1994 für nicht beweiskräftig erklärt. Gleichzeitig aber kritisierte er Allen als "egozentrisch, nicht vertrauenswürdig und unsensibel" und entzog ihm das Sorgerecht.
Woody Allen war im vergangenen Monat mit einem Golden Globe für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden. Sein aktueller Film "Blue Jasmine" ist für drei Oscars nominiert. Dylan Farrows Angriff auf Hollywood führte zu Spekulationen, die Anschuldigungen könnten sich negativ auf die Aussichten von "Blue Jasmine" bei der Oscar-Verleihung auswirken. (APA, 8.2.2014)