Donnerstag, 28. August 2014

Gedankensplitter


Jau das „Dörbi of Love – immer ein nettes Derby mit tollen Leuten und gepflegtem Fussball alter Schule. Man kennt und mag einander schon seit Jahrzehnten, weiss dass es keinen Stress gibt, weiss das andere Meinungen geduldet werden, nein besser noch, andere Meinungen aktiv gefördert werden und man sich austauschen kann. Jau. Bisher. Da waren die Fanszenen noch heterogen und tolerant. Nun gibt es diese neue Ultragruppe die viel bewegt hat. Eine buntere Kurve – Check ! Neue Lieder, neuer Stil – Check ! Aktive Arbeit im Verein – Check ! Junge motivierte Leute auf der Hohen Warte – Check ! Toleranz ? Da ist der Check nicht erfolgt. Man ist links. Man ist Antifa. Okay. Top. Keine Frage es ist halt eine Meinung. Ein Problem gibt es nur wenn diese Meinung dann die allein seligmachende wird, die nichts neben sich duldet. Denn dann wird’s kompliziert weil sich Menschen, die schon seit Jahr und Tag auf den Platz gehen ihre Meinung ja nicht um des lieben Friedens willens oder weil eine neue Truppe auftaucht ändern wollen.

 (Bild vom Derbycup 2006)

Das war ja bei einem anderen Verein in Wien auch irgendwie ähnlich, dort ist eine schlagkräftige Truppe aufgetaucht und hat alle anderen Gruppen die nicht so wollten – warum auch immer, vielleicht wollten sie ja nur ihre Ruhe – nach und nach zum Abwandern „bewegte“. Gut. Wie die Szene, wie die Tribüne jetzt aussieht hat man ja am Sonntag beim „grossen Wiener Derby“ dann auch wieder gut gesehen. Kaputt halt. Nun will ich das absolut nicht mit der Vienna und deren Jungs vergleichen (das würde einer Beleidigung gleichkommen) sondern nur zum Nachdenken anregen, ob diese Art der Meinungsmache – gerade in der prekären und undurchsichtigen finanziellen Situation des Vereines derzeit – eine schlaue ist. Man wird in der nächsten Zeit wohl viel Kraft und Zeit investieren müssen um den Verein neu aufzustellen und das wird sicher nicht leichter wenn man jetzt innerhalb der Fangemeinde bzw. deren Sympatisantenumfeld eine „wer nicht mit uns ist ist ein Nazi“ Schiene fahren will. Weil nicht jeder, der nicht gleich in Jubelorgien ausbricht weil man sich am Fussballplatz mehr mit seiner Sicht von Politik denn mit der eigenen Mannschaft beschäftigt gleich ein Nazi ist. Vielleicht will er nur ein Fussballspiel sehen, Bier trinken und grölen. Oder plaudern. Über Fussball zum Beispiel. Ist vielleicht für einige Leute eine interessante Neuigkeit muss aber auch mal deutlich ausgesprochen werden.

 

Aber vielleicht bin ich da noch zu sehr „oldschool“ wie man heute im Neusprech so schön sagt und beurteile Menschen eher danach wie sie mit mir live und vor Ort kommunizieren und nicht anhand von Fotos und ähnlichem oder hänge mich an sogenannten Symbolen auf (die erst dann eine Bedeutung bekommen wenn ich sie interpretiere) – weil es schlichtweg dumm ist. Genauso dumm empfinde ich dieses neue „ich will den Anderen eigentlich nicht, gehe aber gerne dorthin saufen“ – weils irgendwie falsch ist. Es fühlt sich einfach nicht korrekt an, da kann man noch so schöne Worte dafür finden und an die Intelligenz oder ähnliches appellieren – es geht einfach net.  Entweder ich mag die Leute oder ich mag sie nicht. Aber dorthin zu gehen weil man billig saufen und Musik hören kann, andererseits aber vor den Spielen eine künstliche Rivalität aufzubauen ist irgendwie eigenartig. Ich meine damit nicht das „Sich-gegenseitig-Häckerln“ welches bei diesen beiden Vereinen zur Kulturform erhoben wurde sondern dieses ungute Geht’s-in-Wirklichkeit-Olle-Scheissen Gehabe aus reinem Selbstzweck heraus. Pickerlkrieg inklusive. Geht zu sehr in Richtung Selbstdarstellung und hat für mich auch nichts mit Selbstfindung einer Gruppe zu tun sondern damit, dass dort – für mich – keine Fussballfans mit einer politischen Meinung am Werk sind sondern politische Aktivisten die zum Fussball gehen. Und das ist schlecht, weil mit Ablaufdatum. Und was ist danach ?

 

Besonders schlecht ist es dann wenn man zwar immer gegen die eh daueraktuellen Stereotypen und – no na – für Gleichberechtigung auftritt – zumindest mit der Goschn und auf Papier/im Netz – aber gleichzeitig einen Verein anfeuert der die höchsten Preise für Menschen jeden Alters und Geschlecht fordert, dabei diskriminierend agiert und sich damit über seine eigenen öffentlich propagierten Gruppengrundhaltungen hinwegsetzt. Im übrigen verstösst er (der Verein) auch gegen ein vom Senat III der Gleichbehandlungskomission im Jahre 2009 verfasstes Gutachten zum Thema Eintrittspreise. Was aber wurscht sein dürfte, Geld stinkt bekanntlich nicht.

 

Dass sich Fans halbseidener Machenschaften im Verein auch wirklich entgegenstellen können ist eh fast nicht möglich (Stichwort: Neuer Sponsor, der beim Dörbi wieder abgeklebt wurde). Da sollte man sich zuerst selber reflektieren anstatt sich nach aussen hin zu produzieren. Und zwar bei Leuten die schon zur Vienna oder zum Sportklub gegangen sind als man selber noch in Produktion war. Das ist eine neue Form von Respektlosigkeit die die jetzige Fangeneration hat und mit der ich nur schwer zurechtkomme. Und die ich auf unserem Platz nicht praktiziere. Dort gibt es noch einen gegenseitigen Respekt untereinander, egal wie lange man schon dabei ist. Das macht aber auch unsere Szene aus, die (noch immer) nicht tot ist, obwohl der Verein schon lange in der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden ist.

 

Ich würde halt Jedermann empfehlen sich die aktiven Szenen im Unterhaus (und die 3. Liga zählt für mich da absolut dazu) zuerst live anzusehen, mit den Leuten zu reden und DANN erst seine Meinung zu bilden, die man dann natürlicherweise lautstark vertreten kann. Weil erst das dann eine Meinung ist. Alles andere ist dumme Propaganda. Aber ja.

 

Diesen Freitag können sich übrigens diese Viennafans bei den Austria Amateuren in entsprechender Form präsentieren. Als laute, bunte, antifaschistische Gruppe die keine Nazis duldet. Man darf gespannt sein.

 

 


 
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Freitag, 29. August 2014
19:00 FK Austria Wien (A) - First Vienna FC
Generali-Arena, SR: Helmut Pollak