Sonntag, 11. März 2012

Ultras: Wer mit dem Feuer spielt





Innerhalb kürzester Zeit ist Ultra beinahe zu einer Art Staatsfeind avanciert, mindestens aber zur scheinbar größten Gefahr für die Sicherheit und Attraktivität des Profifußballs in Deutschland und Europa. Die Mahner, Warner, Prediger und Scharfmacher wider die Ultras beschwören jedoch Phänomene herauf, die aus den Kurven längst verdrängt schienen. Denn was nach Ultra kommen könnte, wollen viele offenbar weder sehen noch wahrhaben …





Beim Hamburger Sport-Verein hing bei den letzten beiden Heimspielen eine bemerkenswerte neue Blockfahne vor dem HSV-Fanblock 25A. In unübersehbarer Größe direkt hinter dem Tor prangte ein schwarzes Banner mit der Aufschrift „Die Löwen Hamburg“ in großen weißen Lettern, in einer Schrifttype aus dem Kreis der Frakturschriften, flankiert von zwei Löwen. „Die Löwen“ waren in der Achtzigern und Neunzigern eine der berüchtigtsten Hool-Gruppen des HSV, viele Mitglieder waren eng verwoben mit der rechtsradikalen Szene der Hansestadt – und außerdem an jenem Überfall im Altonaer Volkspark beteiligt, der den Bremer Fan Adrian Maleika 1982 das Leben kostete, als er von einem Stein am Kopf getroffen wurde. Sicherlich kein Zufall also, dass das neue Banner erstmals im Heimspiel gegen Werder dort hing. Natürlich sind diejenigen, die heute hinter diesem Banner stehen, nicht dieselben wie damals – aber dass eine solche Platzierung ohne das Plazet der „alten Hauer“ möglich sein sollte, erscheint auch wenig wahrscheinlich. Noch bemerkenswerter ist aber die tatsächliche und symbolische Verdrängung des Banners, das in den vergangenen Jahren an dieser Stelle hing: „Poptown Hamburg“ – die Kurvenfahne einer HSV-Ultragruppe, der man zumindest nachsagen kann, dass sie sich politisch eher links positioniert. Vor gut einem Jahr hing an gleicher Stelle über der Poptown-Kurvenfahne der Schriftzug „Wir alle sind der HSV“ und darüber ein großes „Gegen Diskriminierung“-Banner. Der symbolische Kontrast zwischen bunter und emanzipatorischer Botschaft und martialischer, schwarz-weißer Hooligan-Inszenierung könnte kaum größer sein. Risiken und Nebenwirkungen: Der Hool von nebenan Nun kann man aus dieser Anekdote keinesfalls eine neue Hool-Kultur oder gar einen Rechtsruck in der HSV-Fanszene konstruieren. Die ganze Angelegenheit zeigt jedoch geradezu idealtypisch, was bei der derzeitigen Ultra- und Gewaltdebatte schief läuft: Die Poptown-Fahne ist nämlich nicht einfach so verschwunden, sondern der HSV hat der Gruppe nach einer Reihe von Auseinandersetzungen – auch und vor allem rund um das Thema Pyrotechnik – Materialverbot erteilt und den Status als offizieller Fanclub entzogen. Sie dürfen zwar weiter ins Stadion, aber eben nur ohne Fahne, ohne Gruppensymbole und dergleichen. In diese Lücke sind nun „Die Löwen“ gestoßen und haben ihr Revier markiert, mit welchen Hintergründen, welcher Motivation und welchen Folgen auch immer. Wer sich mit den Symbolen und Ritualen in Fanszenen halbwegs auskennt, darf jedenfalls zumindest vermuten, dass damit auch ein territorialer Anspruch verbunden ist, denn keine Gruppe schenkt den Platz der zentralen Blockfahne hinter dem Tor einfach so her – und normalerweise wäre es ein Zeichen des Respekts untereinander, diesen Platz leer zu lassen, wenn der Verein für diese Leerstelle gesorgt hat. Die Auseinandersetzung zwischen Verein und Ultras, die in einem Verbot für letztere mündet, hat damit in jedem Fall einen Raum eröffnet, den eine Gruppierung mit altem Namen und negativer Vergangenheit besetzen konnte. Mit dem harten Vorgehen und dem flankierenden medialen Dauerfeuer gegen Ultras und Pyrotechnik sind daher Risiken verbunden, die bislang von den meisten Medien, Sicherheitsorganen und Funktionären schlichtweg ignoriert werden.



Pyro suchen, Rechtsextreme übersehen



Auf eine ähnlich gelagerte Problematik macht der Fanprojektleiter des 1. FC Kaiserslautern, Erwin Ress, aufmerksam: Vom Fußballmagazin „11 Freunde“ zu den vor Kurzem beim Training auflaufenden Nazi-Hools befragt, die den israelischen Spieler Itay Shechter als „Drecksjuden“ beschimpften, sagte Ress:


„Die aktuelle Debatte um Pyrotechnik beim Fußball hat dazu geführt, dass Sicherheitskräfte und Vereine beinahe ausschließlich damit beschäftigt sind, Ultras abzutasten und per Kamera zu überwachen. Leute mit rechten Szene-Klamotten können hingegen oft unbehelligt durchs Stadion spazieren. Zwar sind dort keine rechten Gesänge zu hören, doch es gibt tatsächlich einige kleine Gruppen am Betzenberg, die sich durch rechte Dresscodes als Neonazis zu erkennen geben.“


Kurz gesagt: Die Vereine laufen Gefahr, dass ihnen Hools und Nazis im Stadion, die sich dort aber unauffällig verhalten, weniger ins Auge fallen, als aufmüpfige, antiautoritäre Ultras, die durch Provokation, politische Forderungen, Einflussnahme auf die Vereinspolitik und permanentes Zündeln nerven. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, genauer hinzuhören, was FCK-Manager Stefan Kuntz in einer ersten Reaktion zu den Vorfällen sagte: „Das sind in unseren Augen keine Fans, weil Rassismus hat hier bei uns, beim FCK weder eine Zukunft noch eine Gegenwart und das nehmen wir uns dann auch nicht ernst.“ Natürlich handelt es sich hierbei um eine Art Freud’schen Versprecher und Kuntz wollte sicherlich sagen „das nehmen wir nicht hin“. Bemerkenswert ist aber die traumwandlerische Sicherheit, mit der Kuntz glaubt, ein antirassistischer Grundkonsens der Fans sei quasi ein natürlicher Zustand.


Antirassismus ist harte Arbeit



Es sei deshalb ganz kurz daran erinnert, dass dem keinesfalls so war oder ist: Bis weit in die Neunziger hinein war es in sehr vielen deutschen Stadien gang und gäbe, schwarze Spieler zu beschimpfen, ihnen Bananen zuzuwerfen oder vermeintliche Affengeräusche und ähnliches mehr von sich zu geben. Bis heute ist Rassismus in vielen osteuropäischen Stadien leider selbstverständlicher Teil der Fankultur. Und selbst in England, einem Vorreiter-Land bei der Rassismusbekämpfung, gab es in letzter Zeit neue Skandale – wenn auch ausgelöst von Spielern. Angesichts von auch in Deutschland nach wie vor verbreiteten „Jude …“-Rufen zur Schmähung eines Gegners sollte man sich diesbezüglich keinerlei Illusionen hingeben: Rassismus wird nur dauerhaft aus den Stadien verschwinden, wenn er auch dauerhaft als Problem thematisiert und angegriffen wird – vom weitaus stärker verbreiteten Schwulenhass oder Sexismus ganz zu schweigen. Besonders geschichtsvergessen aber ist es, wenn nun ausgerechnet die Vereine meinen, sie hätten den Rassismus erfolgreich und für immer aus den Stadien verbannt – mit ein paar Kampagnen und der hier und da erfolgten Änderung der Stadionordnung. Wahr ist, dass vor allem die Basisarbeit unzähliger Faninitiativen und hauptamtlicher Fanprojekte dafür gesorgt hat, dass Fans, Vereine und Verbände für Rassismus und andere Formen von Diskriminierung kritisch sensibilisiert wurden. Beispielhaft sei hier die „Tatort Stadion“-Ausstellung des „Bündnisses Aktiver Fußballfans“ (BAFF) genannt.


Ein neuer Raum für Nazis und Stumpfis



Die Auseinandersetzung zwischen ihnen auf der einen und weitaus weniger angenehmen Fraktionen auf der anderen Seite, ist an vielen Orten in vollem Gange: In Aachen werden die dortigen antirassistisch auftretenden „Aachen Ultras“ von rechtsoffenen Ultras und Hools wie „Karlsbande“ und „Westwall“ bis hin zu organisierten Nazis der Kameradschaft Aachener Land angegriffen, in Braunschweig kämpfen die Ultras seit Jahren mit den örtlichen Alt- und Jung-Hools, bei 1860 München wehren sich Teile der Fanszene gegen die Nazis im Block – auch hier waren zuvor die Ultras der „Cosa Nostra“ aus der Kurve gewichen (wenn auch aus anderen Gründen). In Rostock sorgen die „Suptras“ – bei aller Kritik an ihrer Gewaltbereitschaft – seit Jahren immerhin auch dafür, dass organisierte Neonazis im Ostseestadion keine Propagandamöglichkeit bekommen. Dass dies in einem Bundesland mit den strukturellen Problemen Mecklenburg-Vorpommerns, wo die NPD den Wiedereinzug ins Parlament geschafft hat, auch ganz anders aussehen könnte, kann sich hoffentlich jeder vorstellen. Auch in Bremen brauchte der Verein Jahre, um zu erkennen, dass man die Ultras bei ihren Auseinandersetzungen mit den Alt-Nazi-Hools der „Standarte Bremen“ unterstützen muss, anstatt sie zu kriminalisieren. Ausgerechnet in Zwickau, wo eine Nazi-Terror-Gang jahrelang unerkannt untertauchen konnte, ist man davon hingegen offenbar weit entfernt: Hier wird die Ultragruppierung „Red Kaos“ von Verein und Polizei massiv unter Druck gesetzt, während die mehr oder weniger offenen Nazis vom A-Block weitgehend unbehelligt bleiben: Fanprojekt-Mitarbeiter Michael Voigt sagte dem MDR dazu, der Verein habe ihm mitgeteilt, er „würde das Problem des Rechtsextremismus zu sehr aufbauschen.“ Und in Osnabrück wurde Ende Dezember 2011 ein Mitglied der Ultra-Gruppe “Violet Crew” im Stadion von Nazis krankenhausreif geschlagen. Womit wir wieder bei den Ultras wären: Ohne jeden Zweifel hat das Aufkommen der Ultra-Bewegung ab Ende der Neunziger entscheidend dazu beigetragen, rechten Hools und Nazi-Schlägern die Dominanz in den Kurven zu nehmen, die sie bis dahin ebenso zweifellos hatten. Dass Fankultur heute weitgehend bunt statt braun ist, ist auch das Verdienst vieler, vieler Ultragruppen, die sich ausgehend vom Grundgedanken, dass der Support für den Verein im Mittelpunkt steht, nach und nach von Rassismus und Diskriminierung abgegrenzt haben. In vielen Städten und in vielen Stadien sind sie heute deshalb die Träger einer progressiven und bunten Fußballkultur, zu der aus ihrer Sicht eben auch Pyrotechnik gehören kann – neben der Gewaltbereitschaft sicherlich der momentan am heißesten umstrittene Punkt.


Ultra wird den Krieg verlieren



Es wäre deshalb dingend geboten, verschiedene Themen endlich auch getrennt voneinander zu verhandeln – und nicht permanent in hysterischem Geschrei alles in einen Topf zu werfen, nur weil man mal wieder keinen Aufmacher und die Deutsche Polizeigewerkschaft noch nicht genug Resonanzraum für ihre Forderungen gefunden hat: Das derzeit an jedem Wochenende verstärkt zu beobachtende Abbrennen von Pyrotechnik hat den einfachen Grund, dass die Ultras DFB und DFL unmissverständlich deutlich machen wollen, dass der Abbruch eines Dialogs nur dazu führt, dass dann eben unkontrolliert überall gezündelt wird. Die Message ist ganz klar: „Hier sind wir, hier bleiben wir, wir machen, was wir wollen, Ihr könnt uns nicht verbieten!“ Letzteres ist allerdings ein fataler Irrtum: Die Ultras können und werden den Krieg mit den Vereinen und Verbänden und vor allem mit der Polizei nicht gewinnen. Mit und zu Recht wird der Staat sein Gewaltmonopol durchsetzen, denn in der Tat kann kein demokratisch-zivilgesellschaftlich verfasstes Gemeinwesen dauerhaft dabei zusehen, wie eine gewisse Anzahl zumeist junger Männer für sich selbst entscheidet, wann sie Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihrer Ziele für richtig hält. Aber: Die klügeren Ultra-Gruppen haben dies längst erkannt. Nicht umsonst versuchen sie, sich innerhalb der Vereinsgremien Gehör zu verschaffen, nicht ohne Grund starteten sie eine Dialog-Initiative über Pyrotechnik, nicht aus Gewaltverherrlichung beteiligen sie sich an Fankongressen und ähnlichen Veranstaltungen.


Was von Ultra übrig bleibt



Wer diesen durchaus demokratischen Partizipationsversuchen immer wieder nur die Tür ins Gesicht und den Knüppel hinterher schlägt, darf sich nicht wundern, wenn er ausgerechnet die radikalsten und gewaltbereitesten Kräfte fördert – und damit exakt die Zustände heraufbeschwört, die vermeintlich bekämpft werden sollen. Denn auch, wer die jugendlicher Lust an der Revolte in Ultra-Kurven ausleben will, wird sich überlegen, ob Stadionverbote, Strafbefehle und horrende Schadenersatzforderungen den ganzen Spaß wert sind. Übrig bleiben werden bei der „brutalst möglichen“ Repression, wie sie von Scharfmachern gerne gefordert wird, daher vor allem diejenigen, die eh nichts zu verlieren haben – und denen deswegen alles scheißegal ist – Knast inklusive. Ein gefährliches Spiel mit dem Feuer – nur genau anders herum, als immer propagiert wird. An dieser Stelle lohnt sich der oftmals demagogisch beschworene Blick nach Italien tatsächlich: Was ist dort nach der weitgehenden Zerschlagung der Ultra-Kultur übrig geblieben? Triste, halbleere Stadien, deren Fankurven in vielen Teilen des Landes maßgeblich von radikalen, klandestinen Gruppen dominiert werden – die zudem nicht selten offen neofaschistisch auftreten.


Nach den Ultras ist vor der Gewalt



Eine Lösung des Gewaltproblems ist deswegen schlechterdings nicht gegen die Ultras, sondern nur mit ihnen möglich. Denn die Alternative zu den Ultras könnte weitaus schlimmer sein. Wer die Repressionsschraube gegen die Ultras immer weiter zuzieht, läuft daher massiv Gefahr, ungewollt ganz anderen Kandidaten neue Spielfelder zu eröffnen, deren Zeit in der Kurve schon vorbei zu sein schien. Wer Gespräche abbricht und behauptet, diese hätten nie stattgefunden, verschafft denjenigen Stumpfis in den Stadien neues Gehör, die eh schon immer wussten, dass man Probleme nur mit dicken Armen, Alkohol und einer ordentlichen Portion Hass lösen kann. Wer immer mehr und immer öfter Pfefferspray einsetzt, wird die Anzahl der dumpfen „ACAB“-Gröler nicht verkleinern. Und wer ganze Gruppen mit Stadienverboten und ähnlichen Maßnahmen belegt, eröffnet die Räume, in denen rechte Gewaltgangs neue Spielfelder finden. Das Fanprojekt des HSV wurde übrigens nach dem Tod von Adrian Maleika gegründet. Zeit, mal darüber nachzudenken.