Mittwoch, 14. März 2012

Kämpfen für die Friedhofstribüne



Am Sportclub-Platz könnten schon 2013 die Bagger rollen. Die alte Friedhofstribüne soll abgerissen werden, den Neubau will die Stadt Wien mit einem Wohnprojekt kombinieren. Im ballesterer-Interview sprechen drei Vertreter der »FreundInnen der Friedhofstribüne« über ihre Bedenken gegen Wohnen am Fußballplatz, den notwendigen Erhalt von Freiräumen und die Schlagseite bei der Vergabe öffentlicher Gelder zugunsten der Wiener Großvereine.

Die Pläne der Stadt Wien und des Bauträgers ARWAG auf dem Sportclub-Platz sehen eine Umwidmung des Grundstücks, auf dem die Friedhofstribüne steht, in Bauland vor. Die dafür zuständige Planungsstadträtin Maria Vassilakou von den Grünen hat für dessen Einleitung einen breiten Konsens mit dem Wiener Sportklub und dessen Fans gefordert. Laut aktuellem Stand soll ein Haus mit drei Wohntürmen entstehen, in dessen Bauch die Friedhofstribüne sowie die Klubräumlichkeiten des WSK untergebracht würden. Doch wie der ballesterer in seiner aktuellen Ausgabe berichtet regt sich gegen diese Variante Widerstand unter den Fans … 

ballesterer: Nach Jahren der Untätigkeit und zunehmender Baufälligkeit ist in den letzten Monaten Bewegung in das Projekt Friedhofstribüne neu gekommen. Wie sind die Gespräche bis dato verlaufen? Was war positiv, was negativ? 

MARTIN ROSSBACHER: Positiv zu bewerten ist, dass darüber gesprochen wird, dass sich der Sportclub-Platz in einem desolaten Zustand befindet und etwas gemacht werden muss, um den Fußballbetrieb an diesem Ort weiterhin aufrechtzuerhalten. Genauso, dass wir Fans bei einzelnen Personen aus der Stadtpolitik Gehör finden. 
KLAUS KIRCHMAYR: Ebenso erfreulich ist, dass bei der letzten Verhandlungsrunde mit dem Bauträger ARWAG neben dem WSK und den Fans auch der Wiener Sport-Club (von dem sich die Fußballabteilung 2002 abgespalten hat, Anm.) durch eine Architektin vertreten war, weil es für den WSC hinsichtlich der angestrebten Wiedervereinigung mit dem WSK ja von hoher Bedeutung ist, was mit dem Stadion passiert. Eher negativ sehe ich, dass der WSK seine Mitglieder relativ spät informiert hat und dadurch die Gerüchteküche angeheizt wurde.
 
Schon im Herbst 2010 ist ein Sanierungskonzept für die Friedhofstribüne erstellt worden, das einen Abriss und Neubau als einzig realistische Option nahelegt. Was sind die Anforderungen der Fans an eine neue Tribüne?
 
HERWIG SPIEGL: Wir sind im Prinzip recht genügsam. Aber wir wollen nicht zurückstecken und zumindest das, was jetzt vorhanden ist, auch in Zukunft garantiert sehen. Es geht darum, die Stehplatzkapazität der Friedhofstribüne zu erhalten oder im Idealfall auszubauen. Es muss einen Treffpunkt für die Fans geben. Das jetzige Fanlokal »Flag« funktioniert zwar ganz gut, mit jedem zusätzlichen Quadratmeter würde aber natürlich auch die Möglichkeit steigen, dass sich die Fans besser verwirklichen können. Es geht hier ja nicht nur um einen Fußballklub, sondern um einen kulturellen und integrativen Treffpunkt, der nicht nur an Spieltagen relevant ist. 
KIRCHMAYR: Wir würden am Sportclub-Platz gern noch mehr Kulturveranstaltungen organisieren. Hernals und dem gesamten Westen Wiens mangelt es an alternativen Kulturräumen. Allein deshalb wäre es ratsam, sich den Ort, der neu gestaltet werden soll, noch ein bisschen besser anzuschauen.
 
Die aktuell von der Stadt forcierten Pläne sehen einen Tribünenneubau in Verbindung mit einem Wohnprojekt vor. Wie steht ihr diesem Vorhaben gegenüber? 

SPIEGL: Aus unserer Sicht ist es keine Verbindung dieser beiden Vorhaben, sondern ein Nebeneinander, bei dem das wechselseitige Potenzial ungenutzt bleibt. Es werden zwei Welten aufeinanderprallen. Und wenn die beiden Welten einander nicht mögen, sind Brösel vorprogrammiert. Von daher wäre es sinnvoll, sich um ein harmonischeres Konzept zu bemühen. Ideen gibt es viele: Die Friedhofstribüne ist ein einmaliger Ort, den man für ein Vorzeigeprojekt nutzen sollte, mit dem sich die Verantwortlichen dann zu Recht schmücken könnten. 

Was wäre in dieser Hinsicht vorstellbar?
 SPIEGL: Die Wien Energie ist Hauptsponsor des Sportklubs, der Verein verfügt über eine alternative Fanszene, die »grünen« Themen und einer alternativen Energiegewinnung sehr offen gegenüber steht. Von daher wäre es doch naheliegend ein Dach zu konzipieren, das den für den Betrieb der Anlage benötigten Strom selbst produziert. Und wenn schon Wohnen am Fußballplatz, warum bemüht man sich nicht um fußballaffine Anrainer und baut beispielsweise ein Studentenheim. Es müssen ja nicht alle Rollläden runtergehen, wenn ein Spiel ist. 
KIRCHMAYR: In allen Plänen, die wir bisher gesehen haben, sind die Wohnungen durch eine gigantische, fensterlose Trennwand vom Stadion abgeschirmt. Es soll offensichtlich eine Abschottung erfolgen – und da frage ich mich nach der Sinnhaftigkeit dieses Nebeneinanders. Wenn schon eine gemeinsame Nutzung dieser Fläche, warum denkt man dann nicht beispielsweise an Büroräume, ein Fitnessstudio oder andere Lösungen, bei der man dem vorhersehbaren Risiko von Konflikten mit den Anrainern aus dem Weg geht? In dieser Hinsicht habe ich ganz grundsätzlich eine Ideenfindung in einer früheren Phase vermisst. Es sind sehr konkrete Pläne im Raum gestanden, die trotz aller Skepsis bis dato kaum verändert wurden. 

Mit welchen Argumenten wurde diese Wohnbauvariante verteidigt?
 
SPIEGL: Die Trennwand wurde zum Beispiel ganz banal damit argumentiert, dass ein Ball eine Fensterscheibe einschießen könne. Der Bauträger hat scheinbar auch das Gefühl, dass da zwei unterschiedliche Welten aufeinanderprallen. Und da ist es heutzutage scheinbar der logische Schluss, eine Mauer aufzuziehen. Man kennt das ja auch aus verschiedenen anderen globalpolitischen Situationen. Das Problem ist, dass es keine gemeinsame Ideenfindung gegeben hat. Wer immer das plant, muss sich anschauen, welche Atmosphäre am Sportclub-Platz vor, während und nach einem Match entsteht. Dann wird man gewisse Probleme entdecken, kann aber auch das Potenzial erkennen, das dieser Ort hat. Wir haben das Gefühl, dass die Planer viel zu wenig Ahnung haben, was hier passiert. Beispielsweise von der Gastromeile auf der Alszeile hinter der Friedhofstribüne, wo nach einem Match einige hundert Besucher einen geselligen Abend verbringen.
 
ROSSBACHER: Laut den aktuellen Plänen soll die Kapazität der Tribüne wesentlich verkleinert werden. Das ist für uns nicht akzeptabel. Was zudem fehlt, ist ein Gesamtkonzept zur Sanierung der anderen Tribünen, die teilweise ebenfalls stark sanierungsbedürftig sind, und zur Drainage des Platzes. Da fragen wir uns schon: Warum wurde das nicht im Vorfeld analysiert und warum hat man keinen Architekturwettbewerb ausgeschrieben? 

Wie sind die Gespräche mit Stadt und ARWAG aus eurer Sicht verlaufen? Seid ihr Zuhörer oder könnt ihr euch auch aktiv einbringen?
 
KIRCHMAYR: Beim ersten Runden Tisch zwischen Stadt, Verein und Bauträger waren die »FreundInnen der Friedhofstribüne« noch nicht dabei. Danach wurden Pläne erstellt, die man uns präsentiert hat. Diese Gesprächsrunde war durchaus offen und wir haben einiges kritisiert und Verbesserungsvorschläge gemacht. Ich habe allerdings die Bereitschaft vermisst, ernsthaft über Alternativen nachzudenken.  
   
SPIEGL: Man hat uns zugehört, aber wir vermissen ein ernsthaftes Interesse an den Fans als Ideengeber. Damit ein Projekt wie dieses erfolgreich ist, sollte man versuchen, möglichst alle Interessen der Beteiligten einzubeziehen. Das ist ja auch eine Chance für den Bauträger. Denn es gibt wenige, die den Ort besser kennen als die Fans, die seit Jahren dort stehen. 

ROSSBACHER: Die »FreundInnen der Friedhofstribüne« sehen es als ihre Aufgabe, möglichst viele Entscheidungsträger darauf aufmerksam zu machen, dass man das Projekt auch durchaus anders angehen könnte. Es ist klar, dass der wirtschaftliche Aspekt sehr zentral ist, aber das neue Stadion soll auch einen gesellschaftlichen Zweck erfüllen. Karitative Veranstaltungen wie der Ute Bock Cup und das »Goodball«-Turnier, die am Sportclub-Platz stattfinden, spielen in einer Gesellschaft, die sich mit Faktoren wie Migration und Integration auseinandersetzen muss, eine bedeutende Rolle. Und dessen sollten sich die Entscheidungsträger bewusst sein. 
KIRCHMAYR: Wir befürchten, dass es sich die Stadt sehr einfach macht und einen Bauträger mit einem 08/15-Projekt beauftragt, um den »lästigen« Sportklub nicht mehr am Hals zu haben. Denn zwei Sachen sind klar: Es besteht akuter Handlungsbedarf und der Bauträger muss mit einem Gewinn aussteigen. Die Interessen der Fans könnten dabei auf der Strecke bleiben. Wenn das Grundstück verkauft und umgewidmet wird, kann das nicht mehr rückgängig gemacht werden. Das neue Gesicht des Platzes wird jahrzehntelang bestehen bleiben. Und wir fürchten, dass sich der WSK durch die starke Baufälligkeit des Stadions in die Enge getrieben sieht und sich gezwungen fühlen könnte, zu große Kompromisse einzugehen. 


Kann der Verein diesem Druck standhalten?
 
ROSSBACHER: Der WSK verfügt sicher nicht annähernd über die Verbindungen zur Stadtpolitik, wie sie Rapid und Austria haben. Auch wenn Ex-Bundeskanzler Franz Vranitzky im Kuratorium sitzt, haben wir keinen Rudolf Edlinger als Präsident und keine einflussreichen Leute wie Renate Brauner in der Vereinsspitze.
 
KIRCHMAYR: Wenn die Zugeständnisse zu groß sein sollten, hoffe ich darauf, dass der Verein seine Zustimmung verweigert. Es ist auf jeden Fall ein Aufschrei durch die Fanszene gegangen, als vor wenigen Monaten bekannt wurde, dass mit Rapid wieder ein Großklub eine Zusage in zweistelliger Millionenhöhe für seine Stadionpläne erhält. Wir werden seit Jahren mit dem Argument hingehalten, dass kein Geld vorhanden sei. Hier ist unser Verständnis enden wollend, auch wenn klar ist, dass wir ein kleinerer Fisch sind.
   

Angenommen der WSK knickt ein und stimmt einem Projekt zu, das für die Fans nicht tragbar ist. In welcher Form würdet ihr darauf reagieren?
 
KIRCHMAYR: Das ist durchaus kein unrealistisches Szenario. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Wiener Sportklub und seine organisierten Fans etwas Unterschiedliches wollen. Sollten wir vereinsintern nicht zusammenkommen, wären wir in einem solchen Fall natürlich bereit, auf allen Linien zu protestieren. Von der Nutzung unserer Kontakte, über den Gang an die Öffentlichkeit bis hin zu Aktionen. Ob wir uns an die Friedhofstribüne ketten, wenn eines Tages die Abrissbirnen kommen, darüber haben wir noch nicht gesprochen. Das wäre die letzte Eskalationsstufe. Wir sind aber auf jeden Fall bereit, für die Friedhofstribüne zu kämpfen. Schließlich werden wir die nächsten Jahrzehnte darauf stehen.
 
ROSSBACHER: Es gibt sowohl bei den Grünen als auch bei der SPÖ Politiker, denen der Erhalt von öffentlichen Freiräumen ein Anliegen ist. Die versuchen wir mit unseren Argumenten zu erreichen. Davon abgesehen habe ich das Gefühl, dass Besetzungen in Wien in den letzten Jahren eine kleine Renaissance erlebt haben. 
SPIEGL: Am liebsten hätten wir eine Fußballtribüne ohne Bauprojekt. Auf der anderen Seite des Denkbaren steht ein Szenario, in das wir nicht eingebunden sind und das uns natürlich das Unliebste ist. Dazwischen gibt es viele Möglichkeiten, wo ich die Bereitschaft sehe, gewisse Kompromisse einzugehen. Bevor wir auf die Barrikaden steigen, werden wir sicher schauen, was es an Alternativen gibt.
 

Was denkt man sich als Sportklub-Fan, wenn man sieht, mit wie viel Geld die Wiener Großklubs bei ihren Stadionprojekten unterstützt werden.
 
ROSSBACHER: Die generelle Umverteilungsdebatte spiegelt sich offensichtlich auch in der Sportpolitik wider. Die Schere zwischen Arm und Reich geht auch hier immer weiter auseinander. Das Geld fließt in erster Linie in Projekte, die öffentlichkeitswirksam sind und mit denen man sich entsprechend schmücken kann. Es regieren die Lobbys, die breite Förderung bleibt auf der Strecke. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Und Vereine wie der Sportklub scheinen dabei leider nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. 



ZU DEN PERSONEN:
 
Martin Roßbacher (36) ist Sozialarbeiter, Obmann der »FreundInnen der Friedhofstribüne« und seit elf Jahren Stammgast am Sportclub-Platz. Der Projektmanager Klaus Kirchmayr (37) ist Schriftführer der Fanvereinigung und vertritt diese im Vorstand des Wiener Sportklub, an die Alszeile pilgert er seit seinem vierten Lebensjahr. Herwig Spiegl (38) ist Mitgründer und Partner des Wiener Architekturbüros »AllesWirdGut« und hat sein schwarz-weißes Herz vor drei Jahren entdeckt.