Donnerstag, 9. April 2015

Der Herr Baumann

Die Geschichte rund um Zygmund Baumann ist eine zweischneidige. Einerseits ist dieser Mensch Zeit seines Lebens gegen Antisemitismus aktiv, andererseits war er auch fast zehn Jahre lang damit beschäftigt, alte Rechnungen zu begleichen und war beim damaligen polnischen Geheimdienst Ministerstwo Bezpieczeństwa Publicznego (Ministerium für Öffentliche Sicherheit, MBP) angestellt. Dieses Instrument, von den Sowjets 1944 aufgestellt und kontrolliert hat als erste Handlung nach der Befreiung Polens von den Deutschen den politischen und militärischen Widerstand gebrochen, soferne er nicht kommunistisch war. Die „Polnische Heimatarmee“ – 1944 für den zweiten Warschauer Aufstand verantwortlich – war das erste Opfer, so gut wie alle Kommandeure und führenden Offiziere wurden verhaftet, viele verschwanden auf immer.
Baumann war ein nicht unpromminenter Mitarbeiter dieses MPB. Er ist – unabhängig davon dass er jüdischen Glaubens ist – dadurch in Polen nicht unumstritten, zu tief sind die Wunden die die kommunistisch-stalinistische Herrschaft nach 1945 den Polen geschlagen haben. Dass gerade Baumann jetzt über Verfolgung und Antisemitismus in Polen Referate hält, stösst vielen Leuten sauer auf. Für sie ist die Arbeit in diesem Ministerium gleichbedeutend mit der stalinistischen Säuberung der Endvierziger und Anfangsfünfziger Jahre. Baumanns Rolle in diesem Ministerium ist ausserdem bis heute umstritten, zwar hat er nie ein Hehl daraus gemacht, dass er Mitarbeiter war, vieles von dem was er damals machte ist noch heute im Dunklen, die sowjetischen Archive sind noch versiegelt.
Baumann war damals unter dem Decknamen „Semjon“ vor allem mit der Zerschlagung des antikommunistischen Widerstandes in Polen betraut, vor allem die sogenannten „Verstossenen Soldaten“ stand auf den Fahndungslisten des MPB. Der Kampf gegen die neun verschiedenen Organisationen dauerte von 1944/45 bis 1963. Der letzte „Verstoßene Soldat“ – Józef Franczak – wurde am 21. Oktober 1963 in der Nähe von Piaski getötet.
Im Übrigen gab es noch einen im deutschsprachigen Raum bekannten Menschen, der nicht unpromminent – als Kommandant der polnischen Spionage in Grossbrittanien – tätig war: Marcel Reich Ranicki.
 
Die verschiedenen Gruppen des antikommunistischen Widerstandes:
 
Das MPB war auch unter dem Namen Urząd Bezpieczeństwa oder UB bekannt. Es existierte zwischen 1944 und 1954. Baumann selber emigrierte nach der Märzkrise 1968 (im Zuge des Sechstagekrieges gab es Spannungen in Polen da die damalige Regierung von einer „Zionistischen Fünften Kolonne“ sprach, die das imperialistische Israel unterstützen soll) nach Israel.