Donnerstag, 23. April 2015

Der Genozid an den Armeniern


Die offizielle Türkei ist empört. Östereichs Nationalrat, unsere gewählte Volksvertretung hat in einem klaren Statement die Vertreibung und Ermordung von 1,5 Millionen Armeniern im Ersten Weltkrieg als das benannt, was es in den Augen der Welt ist: einen Genozid. Damals, das war im Jahre 1915 begann dieser Völkermord  und der 24. April wird als der Tag benannt, wo die armenische Elite aus Konstantinopel vertrieben wurde - die Menschen mussten ihre gesamte Habe in den Häusern lassen und wurden von türkischen Soldaten verschleppt - befahl die Regierung die Bestrafung der Armenier.

Massaker an de Armeniern waren in der Türkei nicht unbekannt. Bereits in den Jahren 1894 bis 1896 kam es zu Ausschreitungen gegen die zweitgrösste christliche Minderheit (nach den  Griechen) im Osmanischen Reich. Damals waren es vor allem (von der Hohen Pforte dazu ermutigte) Kurden, die von den reichen Mitbürgern immer höhere Steuern eintreiben wollten und von den Armeniern erfolgreich vertrieben wurden. Daraufhin kam es zu zwei Jahre andauernden blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Armeniern auf der einen und den Türken auf der anderen Seite, dutzende armenische Siedlungen wurden zerstört, einige tausend Armenier getötet.

Mit dem Machtantritt der sogenannten Jungtürken versprachen sich die Armenier zunächst eine Besserung ihrer Situation, doch ausgerechnet diese ordneten im Jahre 1915 den Genozid an. Als offizielle Lesart gilt in der Türkei heute immer noch, dass dies eine Reaktion auf die Unterstützung der russisch-zaristischen Armee im Krieg, das Osmanische Reich hatte ja im Oktober/November 1914 auf Seiten der Mittelmächte der Entente (Russland, Frankreich und Grossbritannien) den Krieg erklärt und wollte damit seinen Traum von der Erweiterung des Osmanischen Reiches in Richtung Turkmenistan erfüllen, durch die Armenier. Freiwilligenbataillone kämpften auf Seiten der siegreichen russischen Armee die die Türken rasch bis tief in osmanisches Gebiet zurückschlug. Grosse Teile Ostanatoliens gingen nach verheerenden türkischen Niederlagen verloren. Die türkische Regierung machte die Armenier kollektiv für die Niederlagen der schlecht gerüsteten und ausgebildeten türkischen Verbände verantwortlich - in Wirklichkeit waren ein Grossteil loyal zur Hohen Pforte - und ordnete den Genozid an.

Heute kann man diese Willenserklärung der Hohen Pforte nicht mehr schriftlich nachweisen, da entsprechende Dokumente vernichtet wurden oder noch immer unter Verschluss sind, viele Befehle wurden auch mündlich weitergegeben bzw. agierten örtliche Militärkommandanten auf eigene Initiative hin. Lediglich einige, erhaltene Zeitdokumente lassen diesen Schluss zu.

Als erster Schritt wurden die armenischen Soldaten in der türkischen Armee entwaffnet und grossteils getötet. Die Spezialeinheit der osmanischen Armee, Teşkilât-ı Mahsusa zeichnete dafür grossteils verantwortlich. Es folgte die schon beschriebene Vertreibung der Armenier aus Konstantinopel, danach weitete sich die "Säuberungsaktion" auf ganz Anatolien aus. Am 27. Mai 1915 wurde das sogenannte Deportationsgesetz erlassen - ein Freibrief für die osmanische Armee. Was danach folgte wird heute als der "erste Genozid im 20. Jahrhundert" beschrieben und prägte sich unauslöschlich ins das kollektive Gewissen der armenischen Bevölkerung ein.

Dazu muss auch gesagt werden, dass sich die Armenier keineswegs wehrlos in ihr Schicksal ergaben, Freiwilligeneinheiten und wilde Banden schlugen sehr wohl zurück und verübten während des Vormarsches der zaristischen Armee ihrerseits Massaker an Türken. Die sogenannten armenischen FEDAJIN verbreiteten Angst und Schrecken unter der türkischen Landbevölkerung, ehe die osmanische Armee eingriff und hart einschritt. Überliefert ist die Botschaft von Hilmi Bey, den Gouverneur von Erzurum an die Regierung in Konstantinopel: „Es gibt Individuen innerhalb des Landes, die beseitigt werden müssen. Wir verfolgen diese Perspektive." Dies gilt heute als markantestes Zeichen, dass die osmanische Regierung diesen Genozid bewusst durchgeführt hat. Am 29. August 1915 schrieb Talât Pascha in einem chiffrierten Telegramm: „Die Armenierfrage wurde gelöst. Es gibt keine Veranlassung, Volk oder Regierung wegen der überflüssigen Grausamkeiten zu  beschmutzen.“ Dieser Talat Pascha gab schon im Juli desselben Jahres zu, dass es in Diabakir zu Massaker an Christen gekommen sei.
Internationale Hilfsangebote wurden von der Hohen Pforte nicht angenommen, der es nicht ungangenehm war, die Armenier losgeworden zu sein. Finanzielle Aspekte lagen da ebenso zugrunde wie auch politische. Speziell in Konstantinopel hatten die Armenier viele Besitzungen, wer heute in der Metropole ist erkennt die vielen alten Bürgerhäuser die grossteils von Armeniern errichtet wurden, deren Baukünste die Sultane des Osmanischen Reiches stets schätzten. Darin lag aber auch ein gewisser Neid der Türken auf ihre christlichen Mitbürger - ein Vierteljahrhundert später sollte sich dies mitten in Europa mit einer anderen Gruppe wiederholen: den Juden !
Was übrig bleibt ist ein kollektives Leugnen – nicht nur der offiziellen – Türkei, dass es diesen Genozid gegeben hat. Man sieht sich gerade unter der Regierung Erdogan wieder in der Tradition des alten Osmanischen Reiches und wehrt sich deswegen so sehr gegen die Anerkennung, da man damit die eigene Geschichte radikal umschreiben müsste. Die „Erben des Osmanischen Reiches“ wollen das klarerweise nicht. Ein anderer – wunder – Punkt ist die Frage nach Rückgabe geraubten armenischen Besitzes. Eine Resitution dieser Vermögenswerte würde wohl auch innerhalb der türkischen Gesellschaft tiefgreifende Einschnitte verursachen, sind doch heute viele ehemals armenische Besitztümer türkisch.
Es ist daher ein wichtiger erster Schritt unserer gewählten Vertreter, den Umstand dass es einen nicht aufgearbeiteten Punkt in der jüngeren türkischen Geschichte gibt, aufzuzeigen. Was überhaupt nicht geht ist die Reaktion der Türkei, die Österreich quasi einen „Maulkorberlass“ zu diesem Thema verpassen will und mit Sanktionen droht. Noch weniger geht es, wenn private türkische Vereine Druck ausüben. Es ist ja klar, dass kein heute lebender Türke noch aktiv Schuld auf sich geladen hat – der Genozid fand vor genau hundert Jahren statt – aber es wäre ein starkes demokratiepolitisches Zeichen der Reife, das die Türkei an den Tag legen kann – und ein wichtiger Schritt in Richtung EU-Beitritt.