Donnerstag, 5. September 2013

Spirit of Entebbe

Wie lange grüßt das Murmeltier?

Juli 7, 2013 von Claudio Casula

Die Lage in Nahost gibt keinen Anlass zu irgendwelchen Hoffnungen -
und das hemmt früher oder später die Motivation, sich dazu zu äußern. Eine Erklärung.

Spirit of Entebbe läuft seit einiger Zeit auf Sparflamme. Das hat mehrere Gründe. Neben ganz praktischen – meist fehlt schlicht die für die Recherche und das Texten nötige Zeit – gehört dazu, dass eigentlich alle für unser Schwerpunktthema relevanten Punkte bereits hinreichend benannt und vertieft wurden, sowohl von uns (in mehr als 1500 Beiträgen) als auch von anderen. Und man muss sich auch nicht zu jedem dämlichen Artikel, Radio- oder TV-Beitrag äußern. Vor allem aber frustriert die untrügliche Befürchtung, dass sich bis auf weiteres nichts an der festgefahrenen Situation zwischen Israel und der arabischen Welt ändern wird, jedenfalls nicht zum Guten. Und an der Darstellung, der Wahrnehmung und dem Umgang damit auch nicht.

Da sind einmal die nackten Fakten: Weltweit sind aktuell 45,2 Millionen Menschen auf der Flucht. Laut Unicef-Report gehen 132 Millionen Kinder nicht zur Schule. Mindestens 800 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Und so weiter und so fort. Was die Palästinenser angeht, um die sich ein Großteil der von der internationalen Gemeinschaft bekundeten „Besorgnis“ dreht, so sind sie von keinem dieser Probleme betroffen. Weder teilen sie, denen pro Kopf ein Mehrfaches der Marshallplan-Hilfe zuteil wurde, die existenziellen Probleme echter Flüchtlinge, noch mangelt es ihnen an Wasser, Nahrung oder Zugang zu Bildungseinrichtungen. Dennoch erfreuen sie sich einer Aufmerksamkeit, die in keinem Verhältnis zu ihrer – in nicht unerheblichem Maße selbst verschuldeten – Lage steht. Das gilt allerdings nicht für die definitiv von ihnen geschaffenen Verhältnisse, etwa den Umgang mit missliebigen Journalisten oder den mit „Kollaborateuren“, gilt auch nicht für die jeden Ausgleich torpedierende unselige Politik der vermeintlich gemäßigten Fatah, und dass die seit 2005 im Gazastreifenden herrschende Hamas „Summer Camps“ unterhält, in denen Hunderttausende Jungs paramilitärisch gedrillt werden, um sicherzustellen, dass auch die nächste Generation den Krieg gegen die Juden weiterführt, merkt (oder berichtet, en passant) Spiegel online erst im Juni 2013.

„Hüpfburg, Tanzkurs, Stacheldraht“ heißt der Artikel, wobei für Hüpfburg und Tanzkurs die UNO zuständig ist und Hamas sowie Islamischer Jihad für den Stacheldraht (und die Waffen). Erstere sind für die Mädchen gedacht, letztere für das potenzielle Kanonenfutter der radikalen Islamisten. Irgendeinen Einfluss auf den Umgang mit dem palästinensischen Nationalislamismus hat dessen Gebaren allerdings nicht. Nichts deutet darauf hin, dass die Zahlungen von Millionen bzw. Milliarden Dollar und Euro an die beiden Regierungen in Gaza und Ramallah eingestellt oder auch nur als Druckmittel eingesetzt werden könnten. Die EU bringt es nicht einmal über sich, die radikale Hisbollah-Miliz im Libanon als Terrororganisation zu listen. Von der westlichen Welt ist also wenig bis gar nichts zu erwarten, vom Rest wollen wir an dieser Stelle schweigen.

Wie sieht es im Brennpunkt des Geschehens aus? Die Palästinenser haben die vergangenen zwei Jahrzehnte seit den Osloser Abkommen nicht genutzt, um brauchbare staatliche Strukturen aufzubauen. Wirtschaftlich hängen sie nach wie vor am Tropf Amerikas und Europas, die Gesellschaft wurde islamisiert und politisch radikalisiert, und irgendwelche Anstrengungen seitens der Machthaber, die Menschen von der Notwendigkeit einer Zweistaatenlösung zu überzeugen und damit auch auf den Verzicht auf Maximalforderungen vorzubereiten, sind beim besten Willen nicht zu erkennen. Im Gegenteil darf man getrost davon ausgehen, dass die Einsicht, sich nach der Decke strecken zu müssen, unter den gewöhnlichen Palästinensern allgemein weiter verbreitet ist als in der korrupten Fatah-Kaste, die ein brennendes Interesse an der Aufrechterhaltung des Ist-Zustands hat. Von bürgerlichen Rechten, von demokratischen Strukturen zwischen Jenin und Hebron kann auch keine Rede sein. Und da der sich selbst opfernde Terrorist weiterhin als role model dient, während Landsleute, die den sinnlosen Kampf gegen Israel gern beenden würden, als „Kollaborateure“ aus der Gesellschaft ausgeschlossen und nicht selten gelyncht werden, muss man wohl jede Hoffnung auf Frieden auch für die nächsten Generationen fahren lassen.

Machen wir uns nichts vor: So lange die einzigen Länder, die etwas bewirken könnten, die PA weiter hofieren statt sie in den Schwitzkasten zu nehmen, bis sie „Uncle!“ ruft, wird diese so weiter machen wie bisher. Frieden bleibt eine gut gemeinte Illusion, und das gilt auch für die übrige arabische Welt. Selbst wenn die sogenannte Friedensinitiative der Arabischen Liga ernst gemeint und für Israel akzeptabel wäre, würden sich die selbst ernannten Gotteskrieger der Hamas, der Hisbollah und des Islamischen Jihad ohnehin nicht an irgendwelche Abkommen gebunden fühlen, ebenso wenig wie das Mullah-Regime in Teheran. Schon die mit der „moderaten“ Fatah geschlossenen Verträge waren ja – spätestens die „Al-Aqsa-Intifada“ lieferte den Beweis – das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt waren. Und wie schnell im guten Glauben auf einen vermeintlichen Frieden abgetretene Gebiete zum Aufmarschgebiet für Terroristen und zu Raketenabschussrampen umfunktioniert werden können, haben wir im Südlibanon, im Gazastreifen und in der Westbank gesehen. Im Sinai auch schon, und was heute auf dem Golan los wäre, wenn Rabin die Höhenzüge Assad dem Älteren in den Schlund geworfen hätte, lässt sich lebhaft vorstellen.

Israel hingegen wird weiter wehrhaft bleiben müssen und diese Einsicht, so schwer sie auch fällt, hat das Land wohl auch verinnerlicht. Denn die Welt wird grundsätzlich feindselig bleiben, wird wie gehabt jede Aktion des jüdischen Staates mit dem Vergrößerungsglas betrachten und die fortgesetzte Aggression gegen ihn entweder ignorieren oder als gerechtfertigt durchgehen lassen. Die Feinde Israels schrecken ohnehin vor keiner Verleumdung, keinem unsäglichen Vergleich, keiner Boshaftigkeit zurück, und selbst die jüngste Glanzleistung der Süddeutschen Zeitung, die arabische Welt – mit ihrer offenkundigen Rückständigkeit, ihren Gewaltherrschern, der Unterdrückung von Minderheiten, all den zum Himmel schreienden Grausam- und Ungerechtigkeiten – vorzuschieben und ausgerechnet auf das freie und demokratische Israel als „Moloch“ blicken (und das durch den Kontext auch als durchaus verständlich erscheinen) zu lassen, wird hier und da getoppt werden, immer wieder. Israel jedoch wird wachsam bleiben, und stark genug ist es auch, um sein Überleben in einer antagonistischen Welt sicherzustellen.

Und deshalb wird alles mehr oder weniger so bleiben, wie es ist. Nicht, dass sich damit nicht leben ließe – die vitale, innovationsfreudige, lebensfrohe und lustvoll streitende israelische Gesellschaft beweist es jeden Tag; allein, der Missmut über die Verhältnisse bleibt. Ach, wenn doch die Regierungen dieser Welt vernünftiger wären! Wenn doch die Medienschaffenden ihren Job ernst nähmen! Wenn die Palästinenser den Ägyptern nacheiferten und ihre „Befreiungsbewegungen“, die doch nur ihre Unfreiheit dauerhaft zementieren, zum Teufel jagten! Wenn sich endlich etwas bewegte – dann erwachte auch die Lust, sich wieder häufiger der Thematik anzunehmen. Zurzeit sieht es nicht nach einem dieser größeren Wunder aus.