Mittwoch, 28. Juli 2021

Bankraub in Wien

 Im Februar 2007 ereignete sich in Wien-Neubau einer der skurrilsten Banküberfälle: ein Mann mit einer Spielzeugpistole nimmt in einer Bankfiliale sechs Geiseln und verschanzt sich stundenlang - ohne irgendwelche Forderungen zu stellen. Derweil spielten Nachbarn draussen den EAV Hit "Ba-Ba-Banküberfall", mehrere russische Polizisten auf Lehrgang in Wien schauten vorbei und ein Reporter des Gratisblattes "Österreich" machte einen Telefonanruf. Die Geiseln wussten nicht was sie wollten, da der Geiselnehmer sich nur über fehlende Tschik und das versperrte Klo beschwerte. Es ging alles Gut aus. Hier die Berichte darüber:

39-JÄHRIGER WIENER VERSCHANZTE SICH IN BAWAG - MARIAHILFER STRASSE GLICH FÜNF STUNDEN LANG EINEM HEERLAGE:

Geiselnehmer hatte Spielzeugpistole

 

Bankräuber drohte, Geiseln zu töten.

Er stellte keinerlei Forderungen.

Polizei: "War eine Hochrisiko-Situation.

 

"Wien. Fünf Stunden lang glich die innere Mariahilfer Straße am Dienstag einem Heerlager - dann war alles mit einem Schlag vorbei: Jener offensichtlich psychisch labile Bankräuber, der sich ab 11 Uhr Vormittag mit zunächst sieben Geiseln in der Bawag-Filiale auf Nummer 22 verschanzt hatte, ergab sich kurz vor 16 Uhr mit der letzten Geisel. Vorher hatte er sechs Personen nacheinander frei gelassen. Verletzt wurde niemand, die Sperre der größten Wiener Geschäftsstraße sorgte jedoch für großes Aufsehen.

vom 27.02.2007, 18:19 Uhr | Update: 28.02.2007, 09:26 Uhr

Warum der 39-jährige Günther B., ein arbeitsloser Wiener, beim Banküberfall zum Geiselnehmer wurde, ist noch nicht restlos geklärt: "Da ist zufällig ein Polizeiauto mit Blaulicht vorbeigefahren, und der hat geglaubt das gilt ihm und ist wieder zurück", berichtet eine Augenzeugin.

Dies kann die Polizei nicht bestätigen. "Wir müssen den psychischen Zustand des Mannes noch näher untersuchen", erklärt Einsatzleiter Gerhard Haimeder. Denn der Täter habe keinerlei Forderungen gestellt und habe auch sonst einen äußert sprunghaften Gemütszustand gezeigt: "Da war von ruhig bis nervös alles dabei", so Haimeder.

Als Motiv für den Überfall nennen die Ermittler finanzielle Probleme, die dem mehrfach vorbestraften Täter zu schaffen gemacht haben sollen.

Für die Einsatzkräfte, die aus einem Großaufgebot von Cobra- und Wega-Männern bestand, war es jedenfalls eine "Hochrisiko-Situation", wie Haimeder erklärt: "Wir haben nicht gewusst, was geschieht, wenn wir ihn noch mehr provoziert hätten. Er hat immer wieder gedroht, dass den Geiseln ,etwas passieren wird." Letztlich habe man es aber geschafft, dem Täter eine Geisel nach der anderen "herauszuverhandeln". "Letztlich hat er durch die gute Arbeit der Polizei einfach aufgegeben."

Pistole täuschend echt


Was die Polizei vorher nicht wissen konnte: Der Täter war lediglich mit einer Spielzeugpistole "bewaffnet". "Ein täuschend echt aussehender Nachbau einer Pistole. Aber das merkten wir erst, als er aufgab und mit erhobenen Händen herauskam", schildert Haimeder im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Zuvor spielten sich auf der Einkaufsmeile, die um die betroffene Bawag-Filiale großräumig abgesperrt war, tumultartige Szenen ab: "Auf einmal sind von allen Seiten Einsatzfahrzeuge gekommen und alles war voller Bewaffneter und Uniformierter", berichtet die Inhaberin eines nahen Umstandsmoden-Geschäftes.

In der unmittelbar an die Bank angrenzenden Filiale einer Schnellimbiss-Kette geht es hoch her: Hier hat die Polizei ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Es herrscht ein hektisches Kommen und Gehen. Eine Reihe von Fahrzeugen, darunter ein froschgrüner Schützenpanzer, beziehen entlang des Häuserblocks Stellung. Während Scharfschützen umliegende Häuser besteigen, treffen überraschend Bawag-General Ewald Nowotny und ÖGB-Chef Rudolf Hundstorfer ein - und versuchen, beruhigend zu wirken.

Kurzfristig für Verwirrung sorgen zwei Uniformierte in fremdländischen Militär-Tarnanzügen. Die Gerüchte gehen hoch: Sind das Dolmetscher? Der Täter Ausländer? Letztlich stellt sich heraus, dass die beiden Delegierte des russischen Innenministeriums sind und an einer Cobra-Übung teilnehmen. Übungsannahme: Geiselnahme in einer Wiener Schule. Nun bekamen sie lebendigen Anschauungsunterricht: Denn der Täter, mit dem die Verhandler in regem Telefonkontakt standen, machte keine Anstalten zur Aufgabe. Das Einzige, das er forderte, waren Zigaretten und Getränke.


Ba-Ba-Banküberfall


Für Aufregung sorgten zwischenzeitlich einige Scherzbolde, die aus einem gegenüberliegenden Haus mittels starker Stereoanlage auch noch den "Ba-Ba-Banküberfall" der "Ersten Allgemeinen Verunsicherung" durchs geöffnete Fenster dröhnen ließen - die Polizei beendete diese Aktion.

Letztlich steuerte die Geiselnahme ihrem guten Ende entgegen: Von den vier verbliebenen Geiseln wurde eine um 14.20 Uhr und eine um 15.10 Uhr freigelassen. Um 15.58 Uhr verließ dann der Täter mit der Filialleiterin das Haus und wurde von den Einsatzkräften sofort zu Boden gerissen. Erst danach entkam der letzte Gefangene: Ein Kunde hatte sich im Obergeschoß eingeschlossen und war daher für den Täter die ganze Zeit nicht greifbar: "Es war wie im Märchen: Der Bankräuber und die sieben Geislein", scherzte ein Beamter nach dem letztlich glimpflich beendeten Einsatz.

Kritik setzte es hingegen für manche Medien: So hatte ein Reporter von "Österreich" ausgerechnet in der heiklen Verhandlungsphase mit dem Täter telefoniert - indem er in der Filiale anrief. "Das erschwert uns die Arbeit, und es kann sein, dass etwas passiert, wenn der Geiselnehmer am falschen Fuß erwischt wird", kritisierte Cobra-Chef Bernhard Treibenreif.

(2) Geiselnehmer hatte Spielzeugpistole - 39-jähriger Wiener verschanzte sich in Bawag - Mariahilfer Straße glich fünf Stunden lang einem Heerlager - Wiener Zeitung Online

 

Telefonat mit einem Bankräuber"Willst du eine Geisel sprechen?"

So einen Banküberfall gab es noch nie: Die Geiseln bangten um ihr Leben, aus den Fenstern der Nachbarn schallte "Ba-Ba-Banküberfall". Noch skurriler: Am Telefon beschwerte sich der Geiselnehmer bei einem Journalisten über zugesperrte Toiletten und fehlende Zigaretten.

Von Barbara Hans

02.03.2007, 17.54 Uhr

 

Hamburg - Günther B. ist in Rage - er muss aufs Klo: "Jetzt passen Sie mal auf, Sie Märchenprinz. Ich habe weder Zigaretten bekommen noch sonst irgendwas. Und jetzt muss ich noch einmal anrufen, damit wir endlich aufs Klo gehen können. Das Klo ist nämlich abgeschlossen." So lauten die Worte, die B. mit einem Journalisten austauscht - während er eine Wiener Filiale der BAWAG-Bank überfällt.

Doch das Szenario der Geiselnahme ist noch viel absurder. Die Nachbarn des in einer belebten Wiener Einkaufsstraße gelegenen Gebäudes sorgen für Soundtrack des Verbrechens: Bis die Polizei interveniert, stellen sie die Boxen ihrer Stereoanlage laut der Zeitung "Österreich" ins Fenster und spielen einen der größten Hits der aus Österreich stammenden "Ersten Allgemeinen Verunsicherung": "Ba- Ba- Banküberfall".

Auf gesteigertes Interesse trifft die Geiselnahme laut der Zeitung auch bei einer Delegation des russischen Innenministeriums. Die Beamtengruppe soll demnach auf Einladung des österreichischen Innenministeriums bei einem Geisel-"Trockentraining" in Oberösterreich teilnehmen. Da nun aber zufällig in der Nachbarschaft eine reale Geiselnahme stattfindet, bleiben die Russen gleich vor Ort und verzichten auf die Fahrt nach Oberösterreich.

"Sind Sie Geisel?"

Während sich all dies außerhalb des Gebäudes des BAWAG-Filiale abspielt, klingelt drinnen das Telefon: Am Apparat ist Arpad Hagyo, Journalist der Zeitung "Österreich": "Guten Tag, ich wollte mit dem Herrn sprechen, der dort mit ein paar Leuten drinnen sitzt. Mit wem hab' ich die Ehre?", hört man Hagyo fragen. "Ich bin Mitarbeiter der BAWAG", antwortet die Stimme am anderen Ende der Leitung. "Verstehe. Das heißt Sie sind Geisel?", hakt der Journalist nach. Nachdem der hörbar verunsicherte Mitarbeiter dies bejaht, fährt Hagyo fort: "Könnte ich bitte den Herrn, der Sie bedrängt, sprechen?" Es folgt das Gedudel der Tonbandschleife, dann ist Günther B. am Apparat.

Für B. ist in dieser Situation zunächst die wichtigste Frage, welcher Nationalität Hagyo ist - immerhin klinge sein Name nicht nach einem österreichischen Staatsbürger. Als der Journalist daraufhin in einen breiten österreichischen Akzent verfällt, scheint B. überzeugt. Nach anfänglichem Geplänkel kommt B. auf sein scheinbar wichtigstes Anliegen zu sprechen: die Problematik der abgesperrten Toilette. "Wieso ist die Toilette abgesperrt?", fragt Hagyo. "Na weil sie halt zu ist", sagt B. "Ist das normal dort?", fragt der Journalist weiter.

"Das ist nicht normal. Jetzt schieß ich da einmal hinein. Ich kenn dich nicht. Wie heißt du? Willst du eine Geisel sprechen?" Der Reporter fragt, wie es nun weitergehen werde. "Was heißt, wie es weiter gehen wird? Woher haben Sie überhaupt die Nummer?", fragt der Geiselnehmer hörbar angespannt. "Aus dem Telefonbuch", sagt Hagyo. "Das gibt's doch nicht", zeigt sich B. empört. "Sicher", antwortet der Journalist. Offenbar trifft die Antwort nicht den erwarteten Tonfall B.s: "Was heißt hier 'sicher'? Wie redest du denn mit mir? Das heißt 'ja'." "Ja", antwortet Hagyo. "Das hört sich schon besser an", erwidert der Geiselnehmer. Dann hört man nur noch das Tuten des Telefons.

Hagyo selbst darf sich nicht zu dem Telefongespräch äußern

Die Aufzeichnung des Gesprächs findet sich im Internet bei "Youtube". Wie das Tonband hier her gelangte, ist unklar. Arpad Hagyo selbst äußerte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, dass er auf Anweisung seiner Vorgesetzten keine Auskünfte mehr zu diesem Thema geben dürfe. Gert Edlinger, Geschäftsführer des redaktionellen Bereichs von "Österreich", stand SPIEGEL ONLINE heute nicht für eine Stellungnahme zur Verfügung.

Hagyo ist für das Telefongespräch, das zunächst von "Österreich" selbst online gestellt worden war, aber inzwischen von der Seite entfernt worden ist, heftig kritisiert worden. Das österreichische Magazin "Datum" hat am Mittwoch ein Interview mit dem Journalisten geführt. Er habe sich "lediglich ein Bild" von der Situation in der Bank machen wollen und die Telefonnummer sei nicht von der Polizei gesperrt worden: "Ich habe lediglich eine Festnetznummer angerufen, die im Telefonbuch steht", zitiert ihn die Zeitung.

Er sei überrascht gewesen, mit dem Geiselnehmer selbst sprechen zu können. Zu seinem persönlichen Eindruck von der Situation sagt er: "Ich hatte das Gefühl, dass der Mann es sehr auf Provokation angelegt hat, es war ein ungutes Gefühl. Er hat versucht, mich in ein Geplänkel zu verwickeln und runterzumachen." Durch sein Handeln, meint Hagyo, habe er sich anders als die Journalisten beim Geiseldrama von Gladbeck aber nicht zu einem Komplizen des Geiselnehmers gemacht. "Ich kann Ihnen nur sagen, dass meine Vorgangsweise nicht von Sensationshunger getrieben war." Angesichts der Reaktionen, die sein Anruf ausgelöst hat, würde er aber nicht wieder so handeln, zitiert ihn "Datum".

 

Telefonat mit einem Bankräuber: "Willst du eine Geisel sprechen?" - DER SPIEGEL


ÖSTERREICH telefonierte mit dem Geiselgangster. Das skurille Tonband-Protokoll.
Es ist ein Tonband-Protokoll der besonderen Art. Einem Reporter von ÖSTERREICH gelang es, mit dem Geiselgangster zu telefonieren - als dieser noch in der Bank war. Das Telefonat wirft ein bezeichnendes Bild auf die Psyche des Mannes. Hier die Abschrift. Plus: Das Telefonat als Audio-Datei anhören.

ÖSTERREICH: Ich wollte mit dem Herrn sprechen, der dort mit ein paar Leuten drinnen sitzt. Mit wem hab ich die Ehre?
Mitarbeiter: Mitarbeiter der Bawag.
Verstehe. Das heißt Sie sind Geisel?
Ja.
Was passiert jetzt gerade?
Wer sind Sie bitte?
Mein Name ist Hagyo von der Tageszeitung Österreich.
Na bitte jetzt nicht. Danke.
Könnte ich bitte den Herren, der sie bedrängt sprechen?
Von wem sind Sie bitte?
ÖSTERREICH.
(Lange Pause.) Ich verbinde Sie.
Danke sehr.
Geiselnehmer: Hallo.
Hallo hallo? Grüße Sie, mein Name ist Hagyo von der Tageszeitung Österreich.
Wia haaßen Sie?
Hagyo.
Und? Was san Sie für a Landsmann?
Österreicher.
Hagyo is ja ka Landsmann.
Dochdoch, glauben Sie mir.
Ok, und weida?
Na, i wollt fragen, wie geht’s Ihnen so?
Wie geht’s Ihna?
Mir geht’s ausgezeichnet.
Na sehn Sie.
Aber das ist jetzt nicht die Frage, ich habe gehört, Ihnen sind Zigaretten geliefert worden.
Na, wir ham kane Zigaretten.
Sie haben keine Zigaretten gekriegt?
Na, des warn&.. Sind Sie von der Kronen Zeitung?
Nein, von ÖSTERREICH.
Pass auf amol. Jetz sog i da aans, Märchenprinz. I hob weder Zigaretten kriagt no sunst wos. Ja?
Ja.
Und jetzat dann weama no amoi anruafa, dass ma endlich amoi auf Klo gehen kennan. Weil's Klo is abgesperrt.
Wirklich? Wieso ist es abgesperrt?
Na weil's zua is. Wos haast, wieso is es ogsperrt?
Ist des normal dort?
Na des is net normal. Jetzt schiaß i da eini amol. Pass auf, i kenn di ned. Wie haast du no amoi? Hodi, Hodi?
Hagyo
Wart, wüst a Geisl sprechen?
Na, i wollt fragen, wias jetz weitergehen wird.
Wos hast, wias weitergeht? Woher ham Sie die Nummer überhaupt?
Aus dem Telefonbuch.
Des gibt’s net.
Sicher.
Wos hast sicher? Wie redst’n mit mir? Das haaßt ja.
Ja.
Des huacht si besser an.
(Klack - aufgelegt.)"